"Liebe ist dicker als Rotwein" – Tourkonzert von Die höchste Eisenbahn

Eine wieviel Stunden-Woche hat man eigentlich, wenn man musizierend durch Deutschland tourt? Zählt die Fahrt dann dazu oder nicht und widerspricht das nicht in seiner Aufregung und Spaßheit der Überzeugung, dass eine 40 Stunden-Woche ganz schön kacke ist?

Wenn man der Mimik und Gestik der Bandmitglieder von Die Höchste Eisenbahn auf der Bühne Glauben schenken will, macht so eine Tour auch am drittletzten Tag nach sieben Wochen Konzertspielen noch mächtig Spaß und wir glauben den vier Musikern aus Berlin ja bekanntlich alles. Am Mergestand mit Ingwerteetasse in der Hand sehen Moritz Krämer und Francesco Wilking dann aber auch ein wenig erschöpft aus, also ohne Anstrengung geht’s natürlich nicht. Bis wir an diesem Punkt angelangen, liegen aber noch viele energiegeladene Musikminuten vor uns, also Sprung zurück.

05.12.2019, 20:10 Uhr – Sputnikhalle Münster

Wir betreten die Sputnikhalle und bleiben erstmal am Mergestand vorm Toilettendurchgang hängen. Irgendwie kann das mit dem Einlass ab 20 Uhr nicht stimmen, denn die Lieder der Vorband dringen bereits aus der Halle heraus und als wir diese, mit neuen T-Shirts ausgestattet, kurze Zeit später betreten, ist es schon ganz schön voll.

Wir versuchen ein bisschen verunsichert, einen Platz in der Menge zu ergattern ohne jemandem, der*die schon lange dort steht, vor den Kopf bzw. die Brust zu stoßen. Auf der Suche erspähen wir Francesco Wilking neben einer Säule im Publikum stehend, sind uns aber bis zu dem Moment, als er dann selbst auf die Bühne tritt und die gleiche rote Cap trägt wie der Mann an der Säule, nicht ganz sicher, ob er es wirklich ist. Wir machen es ihm gleich und wiegen uns zur Musik der beiden Musikerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina aus Zürich, die gemeinsam als Duo Steiner & Madlaina auftreten.

Kurze Pause, dann kommen Max Schröder, Felix Weigt, Moritz Krämer und Francesco Wilking auf die Bühne. Das Bühnenbild leuchtet blau und eine Stimme vom Band verrät uns, dass es mit „Aufregend und neu“ losgeht: Jemand redet und du hörst zu, du verstehst nichts, aber die Stimmen klingen gut. Kleiner Verbentausch von „reden“ zu „singen“ und schon passen die ersten beiden Liedverse zu einigen der von der Band gespielten Liedern – und das hat nichts mit Fremdsprache und Akustik zu tun. Gut, dass ein Konzert die Möglichkeit bietet, Fragen bezüglich Textverständnis loszuwerden. Für Unverständlichkeiten wegen Undeutlichkeit empfiehlt Francesco im Verlauf des Konzerts, das neue Album zu kaufen.
Für die Frage, welches Tier zwei Beine mehr hat, wenn es sitzt, steht Moritz nach dem Auftritt zu Verfügung, wobei er darauf hinweist, dass die Textzeile nicht von ihm stammt und er nicht wisse, was Francesco sich dabei gedacht haben könnte. Aber er selbst hat ein Tier, immerhin!

Beim nächsten Lied (Job) entdecke ich vor uns einen äußerst motivierten und strahlenden Tänzer und erfreue mich die nächste Stunde an seiner Freude, die meine eigene noch zusätzlich steigert. Das Publikum singt mit, singt alleine, tanzt, ruft Wünsche Richtung Bühne und, dass Die Höchste Eisenbahn ihm beim Deutschlernen geholfen hat. Auch auf der Bühne ist alles gut soweit, trotz oder gerade wegen des geschluckten Aspirin Komplex und der daraus resultierenden Glocke überm Kopf. Bevor es nach einer Startrek-Geschichte (Aliens, Schau in den Lauf, Hase) mit gefaktem Lachen weitergeht (Zieh mich an), fordert Francesco uns auf, uns Felix auf einem Pegasus vorzustellen. Warum auch immer. So ganz schlau werden wir nicht aus allem, was da so gesungen und gesagt wird. Aber schön ist es trotzdem.

Es folgt eine Weltprämiere, von der nur Francesco selbst weiß, dass sie passieren wird, und das Publikum und die anderen Bandmitglieder scheinen gleich verdutzt, als der Song „Timmy“ (Wer bringt mich jetzt zu den Anderen?) sich in eine DJ-Beat-Autotune-Kreation verwandelt. Die Frage, ob sich Luke Mockridge im Publikum befindet, um über Pranks aufzuklären, deren Bedeutung innerhalb der Band nicht ganz bekannt scheint, wird verneint und dann macht die Verwirrung erstmal Pause und wir tanzen und singen nur noch:

Diese Stadt hat keine Liebe, kein Ziel,
Um die Mitte einen Ring aus Schienen
Und du stellst Fragen ohne Fragezeichen
Und wunderst dich, warum dir niemand hier eine Antwort gibt
In der Nacht taut der Fluss wieder auf,
ich hab‘ neben dir gefroren
Morgens warst du weg und zwischen Tierspuren
Hab ich deine dann verlor‘n
(So siehst du nicht aus)

Die Band spielt im Wechsel neue und alte Lieder und erzeugt so einen Mix aus „aufregend und neu“ gepaart mit „längst bekannt“ und Nostalgie-auslösender „Vergangenheit“. Auch der bereits auf T-Shirt gekaufte „Pullover“ (Schau in den Lau, Hase) findet seinen Weg in die Setlist.

Die anschließende Moderation, in der das Publikum über die Feldstudie von Die höchste Eisenbahn zur Verwendung der Interjektion „eh“ in Österreich unterrichtet wird, unterbricht wiederholt die vom Publikum vehement hervorgetragene Forderung, „Blume“ zu spielen. Bevor dem Wunsch nachgegeben wird, verwandelt sich Moritz aber noch schnell selbst in einen roten Luftballon, indem er seinen Pulli auszieht, und Felix erzählt einen Schwank aus seiner Jugend.

Vier Striche am Himmel
Wie eine Hand, die grüßt,
dein Traum war bitter,
meiner war süß
Für alle, die nicht fragen,
was am Ende kommt,
rote Luftballons, hundert rote Luftballons
Kleiner Prophet auf dem goldenen Thron
Schleudert seine Sätze
„Arbeit muss sich lohnen“
So lange werd‘ ich fragen:
„Was hab‘ ich davon?“
Rote Luftballons, hundert rote Luftballons
(Rote Luftballons)

Die Euphorie ist greifbar, als schließlich die ersten Töne von „Blume“ erklingen und insbesondere die vorderen Reihen singen noch ausgelassener als zuvor. Das könnte ein großer Abschluss sein, doch zum Glück gibt es noch drei Zugabe-Lieder, bei denen die Band sich ebenfalls selbst übertrifft. „Isi“ (Schau in den Lauf, Hase) wird von Francesco improvisierend ausgebaut und Isi und Robert lösen Romeo und Julia von ihrem Status als romantischstes Vorzeigepaar überhaupt ab, inklusive Zitat „Annenmaykantereits Scheiß-Altbauwohnung“.

Dann ist es vorbei und wir stehen wieder vor dem Toilettendurchgang, um Fragen loszuwerden und Fotos zu machen. Dass das Handy sich dabei aufhängt und wir einen nicht zu verachtenden Pulk an Menschen am Weitergehen hindern, scheint niemanden zu stören. Wir nehmen haptische Erinnerungsstücke in Form unserer neuen Tshirts mit nach Hause und ein Gefühl, das dicker als Rotwein ist, und deswegen hoffentlich auch noch schwerer aus unseren Klamotten und Köpfen wieder rausgeht als besagter Tropfen.

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!