Rocken am Brocken Festival – Teil 2: Finale am Samstag

Knifflig nährt sich das Eichhörnchen

Endlich ernsthafte sportliche Aktivitäten nach all den Trendsportarten: eine Runde Flunkyball. An sich herrschen gute Voraussetzungen: Der Regen macht Pause für eitel Sonnenschein, wir haben Bier, wir haben einen Ball und wir haben eine Flasche. Schade nur, wenn man zwar jede Menge trinkfester Personen im Team hat, aber nicht eine einzige davon mal mit dem Ball trifft. Wie lang kann eine Runde Flunken schon dauern? Fragt nicht. Ein einziges Trauerspiel!

Um die Schande seelisch und moralisch zu verarbeiten, dann halt Kniffel. Das ist ohne Ball. Kniffeln kann ich. Aber wenn es beim Kniffeln heißt „Ich nehme die Chance mit 5“, dann weißt du: Du hast auch dieses Mal verloren.

Erinnert mich an den ersten Festival-Tag, als ein Trichter in Form einer Lok bei uns im Camp einfuhr und lautstark nach Trinkwilligen verlangte. Das Teil war schon nicht ohne: Solide aus Holz gebaut und wer nach dem Trinken noch Puste hat, kann Bierschaumwölkchen aus dem Schornstein aufsteigen lassen. Also gut, erinnert mich in echt jetzt nicht direkt daran, aber ich wollte, sie wäre jetzt da, die schöne Trichter-Lok, und würde mir Trost spenden.

Zur Ablenkung am frühen Nachmittag zu Pish. Pål Vindenes von der norwegischen Indie-Formation Kakkmaddafakka kann musikalisch mit seinem Soloprojekt nicht ganz so wie zusammen mit der Band überzeugen, reichert seine Performance im Tennislook dafür aber mit großartigen Posen an. Wir beobachten das ganze vom Bierpilz aus und genehmigen uns ein Handbrot – für irgendetwas muss der Platzregen ja genutzt werden. Abgesehen von Pfützenspringen natürlich.


Danach wollen wir eigentlich vom Täubling wissen, was das jetzt mit den Kindersärgen in seinem Song auf sich hat, aber der steht im Stau und wir werden es wohl nie erfahren. Er ist nicht der einzige, der den Weg nicht findet: Eine Wespe sucht vergeblich den Ausgang aus meinem Regencape. Dafür weiß ich jetzt endlich, dass ich nicht allergisch reagiere. Yay! ☺

T-Rex-Time: Diesmal bleiben die anderen Tiere zu Hause, wir sind mit einer Herde Dinos unterwegs. Diese unterschätzen Geschöpfe sind wunderschön, elegant und mit internen Lüftern ausgestattet. Auch wenn die nicht groß nützen. Bei einer Tour als T-Rex nimmt die Kleidung eine dezent dunklere Nuance an. Da muss man gezielte Gegenmaßnahmen fürs Wohlbefinden ergreifen. Doch Obacht! Dinosaurier können sehr empfindlich auf falsche Nahrung reagieren. Deshalb gibt es bei uns eine streng artgerechte Diät: Pfeffi. Alles andere ist tabu. Die Verabreichung gestaltet sich etwas knifflig, aber mit vereinten Kräften kriegen wir das hin.

Schlagzeile des Tages: Dinos stehlen Band die Show
Genug der Nahrung, jetzt wird gefeiert. Nachdem die Security intensiv gefilzt hat – sogar im Maul – rauf aufs Gelände. Rave is king. Im Zauberwald zeigen die T-Rex ihre Skills. Riesenschädel nicken im Takt und jetzt sieht man auch, wofür die enormen Hinterläufe gut sind. Dance, dance, dance. Dino-Schwänze lurchen durch den Schlamm. Ansage der besseren Dino-Hälfte aus dem Off: „Mit den Schwänzen kommt ihr nicht ins Zelt!“
Auf dem Weg zur Brockenbühne strömen die Schaulustigen herbei, um unsere Herde zu studieren und das ein oder andere Selfie zu schießen. Warum nehmen wir eigentlich keinen Obolus dafür? Wir würden alle reich! Und es scheinen eh alle anzunehmen, wir wären offiziell vom Festival engagiert.


Die aktuelle Band Whitney ist weniger angetan. Trotzdem sie den Song „Friend of Mine“ den ungebetenen Gästen widmen, können sie ihre verhalten angesäuerte Mine nicht so recht überspielen. Einerseits verständlich, die Festival-Gäste sind reichlich abgelenkt durch die Dino-Invasion. Andererseits: Sie hätten es auch, trotz der eher soften und nicht so T-Rex-tauglichen Musik, einfach mal feiern und supergut für sich nutzen können. Steht letztendlich doch jedem besser als mimimi. Als der Sänger dann noch etwas in Richtung: „Oh, those fucking dinos …“ von sich gibt, stürzen selbige durch die Crowd Richtung erste Reihe. Zum Glück geht alles glimpflich aus. Die Herde will doch einfach nur spielen und feiern. Allerdings muss man schon sagen, den Jungs von der Band können wir leider kein gutes Zeugnis ausstellen – lässig war das nicht gerade.

Da ziehen die Sanis ganz andere Saiten auf. Sie bitten uns zu sich und bestehen darauf, im Sanizelt alle lebenswichtigen Funktionen zu prüfen, Fotodokumentation inklusive. Ein T-Rex wird auf der Rettungsliege einem Intensivcheck unterzogen. Zum Glück ist alles bestens. Sogar so gut, dass nach viel, viel Pfeffi, Bier und Mische finalmente der herrliche Moment da ist, in dem jedes sinnvolle Gespräch zum Scheitern verurteilt ist und ein hysterischer Lachanfall den nächsten jagt. In dieser puren, wunderschönen und vollendeten Form bekommt man das nur auf Festivals.

Und gerade dieses Festival ist schon etwas Besonderes. Das Rocken am Brocken Team lässt sich jedes Mal wieder etwas Neues für die Deko einfallen. Künstler bauen Fabeltiere aus Stroh, Pilzlampen und lauter geiles Zeug. Dieses Jahr hat sich der Eingangsbereich in eine riesige geschnitzte Eule verwandelt. Wenn es dunkel wird, erscheint hinter dem Eingang eine echt coole Lightshow – wie ein Tunnel aus Licht. Ab in den Kaninchenbau! Ausgerechnet unser Ravekönig hat es noch nicht da durch geschafft. Das Motto des Abends: Nicht noch mal den Tunnel verpassen!

Bei Welshy Arms heißt es: Zu dritt ganz nach vorne in die erste Reihe. Ein intensives Konzert, die Band nimmt das Publikum gut mit und überhaupt – so viele schöne Songs. Danach erst mal die anderen an der Pilzlaterne suchen und finden. Tatsächlich haben sich zwei aus unserer Festival-Crew stundenlang davongeschlichen, und wofür? Um in der nahegelegenen Therme allen Alkohol per Drüsenaktivität über die Haut los zu werden – obwohl, wartet mal, einer davon hat ja dank lebenslanger Abstinenz gar keinen Alk intus. Dennoch, eins ist sicher: Man kann zwar herrlich duftend und erfrischt bei Frittenbude aufschlagen, aber das Beste hat man doch verpasst. Dekadenz mit zunehmendem Alter zahlt sich letztendlich einfach nicht aus.

Noch ein bisschen raven zum Abschied. Ein paar Wodka-Paloma später komme ich ins Camp – und ist das zu fassen? Alles schläft, alles ruht. Okay, es scheint so, als würden wir wirklich langsam alt. Oder liegt es nur am Regen? Für mich bleibt es die weltbeste Festival-Crew, Luft nach oben in diesem Jahr aber auch. War geil, aber nicht unser bestes Festival.

Was das Lineup angeht, war dieses Jahr eines der Highlights für mich Querbeat. Die haben alles gegeben, waren mit Herzblut dabei und technisch exzellent. Als die Saxophonistin und drei ihrer Bandmitglieder von der Bühne mitten in die Menge tauchen und von da aus weiter spielen, ist der Gig perfekt. Das ging richtig nach vorn. Auf The Adicts hatte ich mich sehr gefreut und die haben auch abgeliefert wie erwartet. Kein Rocken am Brocken ohne Schluck den Druck und die obligatorische Begeisterung für Süßwaren. Welshy Arms haben mich am stärksten berührt, Leoniden waren auch mega. Für meinen Geschmack allerdings insgesamt zu wenig Moshpits und Gitarren. Kann beim nächsten Mal gerne wieder etwas rockiger werden.


Trotzdem. Die Leute, die Location, die liebevolle Deko, die kurzen Wege, die coole Security, das gute Essen und auch immer wieder spannende, neue  Bands … Es hat schon seinen Grund, dass beim Abbauen alle innehalten, um dem Festival, dem Camp und auch sich selbst einen herzlichen Applaus zu gönnen: Dieses Festival trägt seinen Claim im Herzen – Natur, Musik, Freundschaft.

Gwen