Rocken am Brocken Festival 2019 – Teil 1

Vom Älterwerden und Einschlafen

Wir alle werden älter, glücklicherweise, so sollte es ja auch sein. Und oft genug bleibt dabei das Gefühl, dass das gar nichts ändert bis auf die Antwort auf die Frage, wie alt man sei und manchmal leider auch so unangenehme Dinge wie den Versicherungsstatus oder Eintrittspreise, aber das passiert ja nicht dauernd.
Und dann gibt es diese Momente, in denen man das Gefühl hat, dass diese veränderte Ziffer –  seltener die beiden veränderten Ziffern – es mächtig in sich haben und von einer Minute auf die andere die Unbeweglichkeit hoch- und die Alkoholverträglichkeit runtergeschraubt wurden.

Einige Veränderungen kommen dabei überraschend mit Anlauf von hinten und werfen dich nieder wie beispielsweise der Moment, wenn man bemerkt, den gesamten Alkohol sowie jegliche Nahrungsmittel für die nächsten drei Tage zu Hause vergessen zu haben. Andere deuten sich schon recht früh an und machen sich schleichend breit. Dann ist es nicht mehr ganz so irritierend, dass der Festivalbesuch für die Hochzeit einer guten Freundin verkürzt wird oder die dünne Isomatte gegen eine sich elektrischaufpustende Dekadenzluftmatratze eingetauscht wurde oder gleich ein Feldbett.

Wir feiern das Älterwerden und damit den 13. Geburtstag vom Rocken am Brocken Festival, den dritten, auf dem auch wir tanzen. Wieder anders eingedeckt und mit neuen Gesichtern zwischen den alten bekannten und auch unsere Lieblingsschlafarea konnten wir uns wieder sichern. Dieses Jahr mit 5 Pavillons, von denen selbst beim freitäglichen Regen überwiegend einer genutzt wird. Aber hey, haben oder nicht haben!

Das Gute am ersten Festivaltag:

  1. Alle sind noch frisch und motiviert
  2. Die Konferenzpissoirs laufen noch nicht über und bepieseln diejenigen, die gerade selbst pieseln wollten
  3. Das Bier schmeckt noch und ist vielleicht sogar noch kühl
  4. Es verbleiben noch zwei ganze Tage nach dem heutigen

So, die Theorie. In der Realität liegen die ersten von uns um halb zehn in ihren Zelten oder alternativ im Auto, das eigentlich nur aufgesucht wurde, um Alkoholnachschub zu besorgen, und schlafen. Währenddessen werden die Giant Rooks auf der Brocken-Bühne bejubelt, nachdem Bonaparte eher semi überzeugt hat, aber immerhin findet jemand aus dem Publikum ihn „sweet“. Na ja. Wir sind nicht überzeugt und das noch weniger, nachdem die Eule wie schon vor zwei Jahren mit einem Fuß im Kaninchenbau verschwindet, nur dieses Mal nicht unversehrt wieder hervorkommt. Gut, dass manche Menschen stets Krücken im Auto haben! Das ist aber auch das einzig Positive an der Sache. Die Eule bekommt ein Ei an einer Stelle, wo Eulen eigentlich keine Eier bekommen und das liegt jetzt wirklich nicht am Alter, wie man denken könnte, sondern am Boden, der da natürlich auch nichts für kann. Wie der Fuß knickt auch die Stimmung angesichts dieses Ereignisses ein wenig ein, aber auch mit Krücken lässt sich tanzen und für Fröhlichkeit am Zeltplatz reicht die Energie allemal. Das beweisen wir aber erst nach einer Runde ausgiebigen Schlafs, hey, immerhin haben wir schon 2 1/2 Konzerte gesehen, da darf sich auch mal ausgeruht werden…

Was wäre dieses Spiel ohne „Fehlerangabe“? – Sehr viel kürzer!

Tag 2 beginnen wir sportlich, nachdem wir für den Holzschnittskurs zu spät dran sind. Diavolo für die Könner*innen und für den Rest: Spikeball. Das Trendspiel hat seinen Weg zum Rocken am Brocken Festival gefunden und erlebt stetige Regel-Veränderungen. „Fehler-Angabe“ wird zum Lieblingswort unserer Crew bis es vor jedem Aufschlag heißt: „Jetzt kommt die nächste Fehler-Angabe!“
Während die einen motiviert den Ball auf’s Netz oder auch die Kante schlagen und versuchen, nicht über Bierdosen oder Zeltschnüre zu stolpern, haben sich andere schon wieder in Alkoholrausch-Schlaf begeben, jedoch nicht, ohne sich bereits vor dem ersten Becher Pernod provisorisch von der Menge mit einem selbstbewussten: „Bis morgen, Leute! Gleich werde ich verschwinden“ zu verabschieden.

Als der lang-angekündigte Regen einsetzt, freuen wir uns über unseren Pavillon-Laufsteg, wobei die Lücken zwischen den einzelnen Planen sich schnell in Wasserfälle verwandeln und Gespräche über eine Distanz von einem Meter hinweg unmöglich werden. Macht aber nichts. Dafür sind bei langsamen Nachlassen der Tropfen alle frisch und motiviert und begrüßen herbeigeregnete Gäste inklusive Musikbox, die aufgrund ihrer Lautstärke kurzfristig mit den Boxen aus dem Zauberwald verwechselt wird, feucht-fröhlich und mit Tanz im abebbenden Regen. Die Spikeball-Runde wird erweitert, wir spielen Battle Royal, bei Unsicherheit darüber, wer am gescheiterten Schlag die Schuld trägt, wird geschnickt, wer ein Leben verliert, spielt ohne Arme weiter. Der Einsatz liegt in Form eines Tannenzapfens unter dem Netz, das kurzerhand von Dino beim Schnickschnackschnuck mit „Schere“ geschlagen wird. Alle gratulieren zum gelungenen Sieg.  

Als Granada aus Graz auf der Brockenbühne spielen, bin ich wieder auf dem Festivalgelände, ab jetzt nur noch in Sandalen, weil die Turnschuhe im Regen geduscht haben, aber für ein bisschen Getanz reichen die auch. Zu trubeliger Musik aus Akkordeon, Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang, der erst nach der zweiten Strophe verstanden wird, decken wir uns am Billiboy-Stand mit Stickern ein und lümmeln danach in Liegestühlen in der Sonne. Musik. Natur. Liebe.

Was im letzten Jahr schon auffiel, wird auch dieses Mal wieder deutlich. Nämlich, dass es zunehmend weniger Musik-Acts gibt, die zum Verb im Festivalnamen Rocken am Brocken passen. Gefühlt fällt alles, was nicht leicht-poppig oder mit Beats versehener Elektro ist, aus der Reihe. So zum Beispiel The Adicts, eine 1975 begründete Punkband aus Großbritannien, die mehr abverlangt als Geschunkel und im Takt-Geklatsche. Stattdessen klatschen Körper gegeneinander und Füße trommelwirbeln auf dem noch feuchten Gras vor der Bühne. Mit fliegenden Klopapierrollen verabschiedet sich die Band von der Bühne und lässt einen mutigen Mann zurück, der den Kampf mit einer mehrere Meter über der Bühne baumelnden Klopapierschlange aufnimmt. Das Publikum feuert den Unerschöpflichen und seinen Rechen an und raunt mitfühlend auf, als sich lediglich ein kleines Stück abreißen lässt. Bevor der Kampf entschieden ist, zieht es uns in Richtung Jägerzirkus, in dem Mavi Phoenix aus Linz mit Autotune und lässiger Ausstrahlung die Menge zum Tanzen bringt. Das Zelt ist voll und der Sound und das von der Rapperin und Sängerin verkörperte Selbstbewusstsein lässt Erinnerungsfetzen an das SXTN-Konzert von vor zwei Jahren aufpoppen.

23:45 vor der Brockenbühne, das letzte Konzert für mich in diesem Jahr bei Rocken am Brocken, immerhin heißt es morgen früh Sachen packen und zur Hochzeit fahren. Mit den Leoniden, der Band, von der der Titelsong des Rocken am Brocken Aftermovies 2017 stammt, sicherlich ein gebührender Abschluss für einen kurzen, aber intensiven Festivalaufenthalt. Wir kriegen eine motivierte Truppe geboten, einen Sänger, der mit seinen Sprüchen genauso gut Animateur beim Aqua-Fitness in einem All-inclusive-Hotel sein könnte, Stage-Diving und eine Wall of Death bei einem der ruhigsten Lieder, was ein wenig irritiert. Man merkt, dass sie es wirklich wollen: Rockstars sein Die Motivation stimmt, aber so ganz gelingen mag es leider nicht, was nicht heißt, dass die Stimmung nicht super ist.

Meine Füße stecken mit Socken in Sandalen, was mein Mitgespringe ein wenig einschränkt, aber die meisten tanzen ausgelassen und singen lauthals mit. Nach schwindelerregendem Getrommel und gemeinsam mit dem Publikum performtem „Freed from desire“-Cover, das die Sandalen vergessen lässt, geht es kurz zur Fotobox, bevor für mich der zweite und gleichzeitig letzte Festivaltag endet. Ich gebe das Wort ab.

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!