Abschlusskonzert von Moritz Krämers Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1&2-Tour

19.05.2019, 20 Uhr Pension Schmidt Münster

So kurz vor Anfang war ich noch nie auf einem Konzert. Außer bei Festivals, klar, da passiert das ja schon mal, dass man zu spät vom Zeltplatz aufbricht, auf dem Weg zur Bühne alle anderen verliert und bis die wieder eingefangen sind, ist das erste Lied dann auch vorbei oder das zweite, dritte, vierte.

Bislang ist noch kein Lied vorbei und ich finde keinen freien Stuhl mehr, also quetsche ich mich auf die Fensterbank vor ein Möbelstück, das hier hoch gestellt wurde, um keinen Platz wegzunehmen. Tut es jetzt doch, macht aber nichts. Die Frauen neben mir auf dem Tisch wollen eine weitere Sitzgelegenheit für einen Freund ergattern und so reißt die eine kurzerhand die potenzielle Sitzfläche von einem Schränkchen, das daraufhin vornüber auf sie zufällt. Gemeinsam schieben wir es zurück vor die Fensterfront: „Da kannst du dich ja sonst drauf setzen“, schlägt sie vor. Nee, danke. Gefährlich, diese Sitzkonzerte!

Von meinem Platz aus sehe ich in erster Linie Stuhlreihen und eine Säule, aber wenn ich mich ein bisschen hin- und herbewege, was angesichts des nicht allzu bequemen Platzes gar nicht weiter schlimm ist, kann ich Moritz Krämer sehen, der jetzt mit seiner Band auf die Bühne kommt:

Hanno Stick am Schlagzeug – ist das Schicksal, Zufall, ein Künstlername oder durch die Eltern erzwungen? –, Andi Fins am Piano und Alex Binderam Bass.

Auftakt mit einem ganz neuen Lied, noch neuer als das Doppelalbum, das Anlass gibt für die Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben 1&2-Tour, die heute und hier mit diesem Konzert endet.

Passend zum Vertragsthema erklärt Moritz Krämer dem Publikum, dass er heute Abend sowohl Lieder vom Doppelalbum als auch von einem weiteren Album, das den Titel Die traurigen Hummerträgt und eigentlich im Herbst erscheinen sollte, spielen wird. Dass es nun doch erst im kommenden Jahr veröffentlicht wird, liegt daran, dass im Sommer die neue Platte von Die höchste Eisenbahnrauskommt und gewisse Mindestabstände zwischen den einzelnen Veröffentlichungen eingehalten werden müssen. Und die wären für Moritz Krämer mit einer Solo-Platte im Herbst nicht eingehalten und: Hier ist der Beweis, dass Musikmachen eben auch ein Business ist, das seltsame Richtlinien befolgen muss.

Der Abend entfaltet sich zu einem Gemisch aus wunderschönen unbekannten Liedern, auf die wir nun leider noch bis nächstes Jahr warten müssen, ein paar alten Bekannten und erstaunend erfrischenden Liedern über die Trockenheit von Arbeits-Deals und von viel Müssen und zu wenig darüber wissen, wie das eigentlich geht. Das Ganze führt zu Geschaukel auf den mehr oder minder bequemen Sitzplätzen, wenig leuchtenden Handydisplays und Liedzitaten, denen kein Titel zugeordnet werden kann:

Wär‘ es nicht schön,

wenn ihr für immer zusammen bleibt,

wenn für immer nicht so kurz wär‘,

weil ihr euch immer so beeilt.

[ ? – Die traurigen Hummer]

Zwischendurch gibt Moritz Krämer Erläuterungen zum Konzept des Vertrag-Albums und zu einzelnen Liedern hierin ab: „Jemand hat einen Vertrag unterschrieben, den er gar nicht unterschreiben wollte. Der macht auch Musik und der ist – ich. Das ist natürlich alles ausgedacht!“

Eins der Lieder heißt wegen der Pause zwischen der ersten und der zweiten Platte Da bin ich wieder: „Auf der ersten hat er sich Gedanken gemacht und auf der zweiten auch.“ Klingt logisch.

Den Vorteil von Sitzkonzerten erkennt die Band eindeutig in der den Raum erfüllenden Aufmerksamkeit und Ruhe. „Es ist so wahnsinnig still hier. Gestern haben wir auf einem Festival gespielt, da waren alle besoffen und nicht wegen uns da und dann war’s total laut!“ Da lässt sich sogar ein Mitsing-Part einbauen, klappt erstaunlich gut. Die Klangfarbe ist voll, die Band improvisiert, das Publikum singt mit, leise, aber vehement:

Was du mir jetzt vorschlägst,

ist nur gut für einen,

der nimmt so viel,

dass es für alles and’re reicht,

was er sonst noch so vorhat.

in seinem Leben.

Wenn es nicht für beide gut ist,

dann ist es Ungerechtigkeit.

Wenn dein Deal ein guter ist,

dann musst du mich nicht zwingen.

Wenn dein Deal ein guter ist,

dann komm‘ ich sowieso zu dir

[Wenn dein Deal ein guter ist – Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben 1&2 ]

Schade, dass so ein Sitzkonzert nicht nur schön, sondern auch so entspannt sein kann, dass die Ausdauer zwischen Band und Publikum stark unterschiedlich gefordert wird. Nach drei Zugaben verlassen die Musiker dann wirklich endgültig die Bühne. Da es beim allerletzten Tourkonzert allerdings weder Vorband noch Tourmanager gibt, kann man am Mergestand noch mit Moritz Krämer ins Gespräch kommen. Mein Popo ist entlastet und die Möbelstücke dürfen wieder einfach Möbelstücke ohne Menschenkörper on top sein, aber das hätte jetzt doch noch ein paar Stunden so weitergehen können und die Hummer-Platte würde ich auch gerne nicht erst im nächsten Jahr rauf- und runterhören.

Alles, was du sagen willst,

schreibst du auf Papier,

du bist noch nie explodiert.

[…]

Dann stehst du in der Sonne,

weil du wieder mal wartest.

Jemand tippt dir auf die Schulter,

jemand, der froh ist, dass du da bist.

Du wolltest immer nur sagen:

Ich bin hier

Du wolltest immer nur hör’n:
Ja, genau, dir geht’s wie mir.

geht’s dir wie mir?

[Auffliegen – Die traurigen Hummer]

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!