Moritz Krämer – Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben 1&2 [Doppelalbum-Review]

Schön, wenn sich Musiker*innen nicht nur hinsichtlich ihres Musikstils weiterentwickeln und Neues ausprobieren, sondern sich auch textlich mal an vernachlässigte Themen heranwagen.

Immerhin gibt es schon wirklich viele – und ab und zu auch immer noch neue, gute –  Lieder über unerwiderte, erfüllte, glückliche, unglückliche, verrückte, in der Luft befindliche und auch Selbst-Liebe, über Partys in den USA, auf Ibiza, weltweit und ohne Ende oder darüber, wer und wie toll die jeweiligen Musizierenden selbst sind. Aber wie viele Lieder gibt es eigentlich über Bürokratie und Verträge, Dinge, die genauso wie Liebe, Freundschaft, Partys und das Ego irgendwelcher Rapper*innen uns allen bekannt sind und alle etwas angehen?

Richtig: Nicht sehr viele.

Und, wenn sich dann mal jemand an genau diese Themen herantraut und die entsprechenden Lieder dann auch noch musikalisch gut klingen, mitsingen lassen, emotional berühren und sogar tanzbar sind, dann gleicht das schon nahezu einer Meisterleistung.

Wir reden fair,

wir wollen, dass es auch gut ist

aber das ist es nicht,

nicht in diesem Vertrag

Es gibt zwei Teile,

den einen versteh ich,

den ander’n aber nicht,

den hab ich damals überlesen

[Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben]

Moritz Krämer hat für sein Doppelalbum Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben 1&2das am 01. Februar 2019 veröffentlicht wurde, sicherlich auch den ein oder anderen Vertrag unterschrieben und bietet uns 16 Songs an, die sich selbst reflektieren und dabei die Maschinerie des Musikbusiness‘ entlarven. Da wird nämlich nicht nur romantisch und Wein trinkend, wenn einer gerade danach ist, musiziert bis eben genug Songs für eine EP oder LP entstanden sind, sondern da gibt es Fristen, die es einzuhalten gilt und leere Köpfe und Papiere. Letztlich ist eben auch das Künstler*innendasein im Kapitalismus nicht immer schön, sondern auch oft genug harte Arbeit, die Nerven aufreibt.

Es ist ein langer Weg

und wir steh’n am Anfang,

an der drei und wir müssen zur acht

Ob ihr mit uns geht,

ist nicht so wichtig,

wir machen das hier nicht aus Leidenschaft

[Es ist ein langer Weg]

Wir können Lieder schreiben,

eins nach dem ander’n,

die uns nicht interessieren, bei denen das Herz nicht bricht

Lieder, die alles nur streifen

dran vorbeigeh’n

und nichts im Kern trifft

[Um raus zu sein]

Dass aber auch trotz Verträgen, Fristen und nervigem Bürokratiekram Lieder entstehen können, deren Refrains eine breite Palette an Themen anschneiden und bei denen das Oberthema zum Teil nur kurz und vorsichtig hinter einer buntgewebten Decke aus Gefühlen und Alltagsfragen zu Zwischenmenschlichkeit hervorlugt, stellt Moritz Krämer mit seinem Album eindeutig unter Beweis. Da bedarf es gar nicht vieler Worte, sondern einfach genug Zeit, um die Lieder selbst sprechen lassen zu können.

Im Pressetext zur Albumbeschreibung taucht dann übrigens doch noch das Wort Liebe auf:

„Wie Krämer schon auf seiner ersten Platte ,Wir können nix dafür῾ die großen Themen mit Wasserflecken auf dem Boden besang, so ist auch ,Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1&2῾ keine Platte über juristische Schriftstücke, sondern über Liebe, Streit und Versöhnung.“

Der nachfolgende Vergleich mit Matthias Schweighöfer und Max Giesinger ist dann trotz der aufgemachten Distanz doch ein bisschen erschreckend. Sagen wir: Sie haben alle mal einen Vertrag unterschrieben, aber das, was am Ende rauskommt, ist dann ja doch – glücklicherweise- was Anderes.

Nach dieser Platte

mach ich dann Mittag und erzähle irgendjemandem davon

Und ich bin aufgewühlt und auch ein bisschen sauer

und ich, ich weiß noch nicht, ob sich das lohnt

Wenn du’s bis hier her geschafft hast,

dann ruf kurz mal an

Lass‘ drüber reden,

wie du’s findest,

ob man es rausbringen kann

[Wenn du’s bis hier her geschafft hast]

Nach sechs Wochen Pause setzt Moritz Krämer am 27.04.2019 seine Ich hab einen Vertrag unterschrieben-Tour in Stade fort. Wir freuen uns drauf!

27.04.19 Stade – Hanse Song Festival
15.05.19 Magdeburg – Moritzhof
16.05.19 Erfurt – Museumskeller
17.05.19 Bremen – Lagerhaus
18.05.19 Köln – Cardinal Sessions Festival IX
19.05.19 Münster – Pension Schmidt

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!