Wenn irgendwas gut ist, dann das hier! Muff Potter – Abschiedskonzert

Münster, 3. Februar 2019. Muff Potter die Letzte. Die Allerletzte!
Die vier (Fast-)Münsteraner kommen nach Hause, das Bühnenbild im Skaters Palace ist passend als Wohnzimmer hergerichtet. Schön!

Aber erstmal zurück zum Anfang. Die Show ist seit Ewigkeiten ausverkauft. Wie alle der sieben Konzerte dieser Revival-Tour, nachdem Muff Potter vor 9 Jahren das letzte Mal gemeinsam auf der Bühne standen. Ich kaufe mir noch eine halbe Stunde vor Beginn vor dem Eingang der Halle mein Ticket und bin damit nicht der einzige.
Nachdem die Ticketpreise zwischenzeitlich astronomische Höhen angenommen hatten, werden sie jetzt verscherbelt. „Ach, gib mir einfach ein Bier dafür.“ Kein nerviges Handeln mehr, die Stimmung ist freundlich familiär und jeder will jeden dabeihaben. Ich entziehe mich diesen kruden Marktmechanismen und zahle trotzdem den Originalpreis.
Im Innenraum dann eben schnell die Jacke abgeben und das Warten auf die Show beginnt. Vor der Bühne die Menge: Durchschnittsalter: Eins, in welchem man nicht so gerne danach gefragt wird. Durchschnittsgröße: (Mindestens!) 1,95m. Mit meinen aufgerundeten 1,70m könnte das lustig werden, denke ich mir und schiebe mich in die ‚Impact Zone‘.
Nach dem eher außergewöhnlichen Voract in Form von Felix Gebhard, einem alten Bekannten und Freund von Muff Potter, der auch schon vor 13 Jahren mit den vier Jungs auf der Bühne stand, beginnt endlich der erste Song: Born Blöd

Na klar gehts weiter bis zum Schluss,
man weiß was man tun und lassen muss.
Und dann die Frage nach dem Sinn,
wo kommen wir her wo können wir hin?

Born Blöd – Muff Potter

Das Publikum muss sich auch erstmal an die alten Tage erinnern, was auf einem Punkrock-Konzert so passiert, aber nach einem halben Song kommt dann doch Bewegung in die Menge. Man merkt dabei trotz des Endspiel-Charakters, dass es sich um ein Sonntagabend-Konzert handelt. Einige fürchten wohl um einen zu starken (Muskel-)Kater am nächsten Arbeitsmorgen und so läuft erstmal weder das Bier noch das Tanzen richtig flüssig.
Zwischen die jung(geblieben)en Wilden mischen sich zudem einige eher gemäßigtere Besucher vom Typ Sozialkundelehrer und so werde ich ungewollt Zeuge einer Diskussion über die ‚angemessene Härte‘ des Massenaneinanderspringens. Die endet mit einer endlosen Debatte darüber, wer denn zwischen der beiden Beteiligten schon länger Muff Potter Fan sei. Unnötig! Ich schiebe mich daraufhin etwas weiter nach hinten zu schöneren Menschen, die sich darauf beschränken aus voller Inbrunst und mit all dem in den Jahren angestauten Weltschmerz in der Stimme der Band ihre Texte entgegenzuschmettern.

Ich will alles nehmen und geben
das ist jetzt und das ist hier –
und das sind wir
Wir erfinden eine neue Welt
aus Brodeln und Beben.
Wenn irgendwas gut ist, dann das hier!

Wenn, dann das hier – Muff Potter

Ja, hier fühl ich mich wohl!

Auch wenn der Pogo-Tanz manchmal etwas stockt und in den Liederpausen nahezu Stille herrscht, man spürt zu jedem Zeitpunkt, dass sich hier die ganze Muff Potter Fan-Familie versammelt hat. Bei jedem Besucher sitzt der Text als wäre Huck´s Plattenkiste die letzten 9 Jahre auf Dauerschleife gelaufen.
Es werden vergleichsweise viele ruhige Lieder gespielt und die passen perfekt zur Gesamtstimmung. „Überwasserkirche, Mocambobar, WESTFALENTANKE!„, das geht direkt ins Münsteraner Nostalgie-Herz.
Die Band verzichtet weitestgehend auf lange Ansagen und beschränkt sich aufs Spielen. Gut so, wir wollen so viele Songs wie möglich hören, es wurde ohnehin bereits alles gesagt und nichts trifft es besser als eure Lyrics: Und Reden war mal Silber, und du, du warst mal Gold!

Als dann das Publikum völlig eingespielt und aufgeheizt ist und sich meine Stimme auch schon so langsam verabschiedet, werden nochmal die obligatorischen Zugaben gespielt und 23 Gleise und zwei Stunden später ist das ganze Spektakel auch schon wieder viel zu schnell vorbei. Das war wohl abzusehen…
Noch einmal 100 Kilo, exakt der Song mit dem sie vor 9 Jahren ebenfalls hier in Münster ihrem Banddasein ein (vorzeitiges) Ende gesetzt haben. Das kanns doch nicht gewesen sein! Wohl leider doch, wir liegen uns alle noch einmal in den Armen und freuen uns über dieses unverhoffte und fabelhafte Wiedersehen.

Die meisten würden (oder werden!?) auch 2028 wiederkommen. Bis dahin heißt es wohl erstmal weiter im Fotoautomaten oder auf der Bordsteinkante vorm Molotow sitzen, Steady Fremdkörper hören und auf die Gute Aussicht warten. Und dann bleibt auch mir nur noch zu sagen: Danke Muff Potter und vielleicht sogar bis zum nächsten, allerallerallerletzten Mal, denn: Alles war schön und nichts tat weh!

Text von Marvin

Foto von Lea Kähler

Marv