Die neue EP von den Lieferanten – „Alles, was du has(s)t“ = Eine gut investierte Aufmerksamkeit [Album-Review]

Der sich geduckt anschleichende frühzeitige Winterschlaf wird noch einmal um ein paar Wochen nach hinten gekickt und wir auditiv wachgerüttelt. Aus den Lautsprechern schallt es: „Alles, was du hast, bin ich“ und DU sind in diesem Falle Die Lieferanten und ICH ihre neue EP Alles, was du has(s)t. Die hat neben dem titelgebenden Ohrwurm noch drei weitere Songs zu bieten, die wir bereits bei verschiedensten Liveauftritten im vergangenen Jahr beschnuppern durften, die jetzt aber noch mal extra frisch und mit einem stilsicheren sowie überflügelnden Sound um die Ecke kommen.

Die kurzfristig etwas theatralisch anmutenden Tastenkläge vom Opening-Song swingen schnell um in einen leichtfüßigen Walzertakt und fröhlichen Soul, der den Wollschall über dem Kopf kreiseln und die Füße sich in den nassen Schnürstiefeln warm tanzen lässt. Wir erinnern uns an Konzerte aus diesem und dem letzten Jahr und an den Tanzkurs in der achten Klasse.

Der heiße und intensive Sommer, während dessen die Lieferanten auf einer Vielzahl von Festivals gespielt haben, den alten Asta-Bulli zu ihrem eigenen Tourbus umfunktioniert und mit einer schnieken Inneneinrichtung (YouTube-)filmreif gestylt haben und sich als Speckbrett-Poser haben ablichten lassen, ist zusammen mit den vier Songs, die auf der gefühlstechnischen Farbpalette einiges zu bieten haben, auf die EP gepresst worden und darf sich ab jetzt auch bei Minusgraden in kerzenlichtbeschienenen Wohnzimmern entfalten.

Während jedes Konzert seine individuellen Farbnuancen, im besten Falle abgestimmt auf Publikum und Location, vorzuweisen hat, lässt sich bei den Songs auf der EP ein stringenter Verlauf ausmachen, der ein- und auffängt. Von Cover- über instrumentelle Gestaltung bis zu den Texten ein Hingucker. Eins, zwei, drei, vier x.

Bei aller Liebe zum Neologismus „Schabernacksoul“, der neben dem Musikstil der Lieferanten auch deren ganze Darbietung bei Auftritten spiegelt, sollte doch angemerkt werden, dass die neue EP nicht nur – wenn überhaupt –  Schabernack zu bieten hat. Wäre es nicht ein zu häufig unzutreffend eingesetzter Werbeslogan, könnte man fast sagen: Da steckt mehr drin. Wahlweise mit kreativer Schreibweise: Mee(h)r. Da Meer, hier Sommer, Wunden, Alleinsein – zusammen und  allein, Früchte, Elektronen, Klimmzüge, ein Epizentrum und keine Enden.

Bis zum nächsten öffentlichen Auftritt müssen wir uns leider noch ein wenig gedulden, da aktuell nicht alle Bandmitglieder in Deutschland sind. Aber dann kann die Vorfreude über die Weihnachtsfeiertage, Neujahr und das Erblühen der ersten Frühlingsblumen noch gebührend ansteigen, um sich dann ebenso angemessen zu entladen. Die Texte dürften bis dahin auch sitzen und können bei mehrmaligem Hören auch ihre mille feuille mit Cremefüllung auffächern.

Ich ess‘ mein Gemüse in der Mensa

und Werkzeug leih‘ ich mir immer aus

jeder meiner Nachbarn kennt sich

und ich bekomm‘ die wenigsten Briefe hier im Haus

Meine Begeisterung ist mir schon lang

und ich bin lange nicht mehr

ausgegangen

Die Repression hab ich mir schon lang

und ich mich lange nicht mehr

eingefangen

[Platter Reifen]

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!