Courtney Barnett erzählt und fragt – Tell me how you really feel – [Album-Review]

Facebook fragt mich regelmäßig, wie ich mich fühle, doch ich bleibe eine Antwort schuldig. Lasse lediglich ab und an verlauten, was für Veranstaltungen mich interessieren oder dass ich weiß, dass Wolfgang Herrndorf einen Roman über Sand geschrieben hat, bzw. namens Sand, doch das wird nicht ganz ersichtlich aus meinem Kommentar. Dafür aber eine Rückenansicht von mir selbst und das ist ja schon mal was.

Courtney Barnetts neues Album, das am 18.05.2018 erschien, wagt sich weiter vor: Tell me how you really feel. Eine Aufforderung, nicht nur das zu zeigen, was vielleicht hübsch aussieht und sich leicht in 280 Zeichen packen lässt, sondern den Kern trifft. Wieso sollte ich das beantworten?

Und, was passiert, wenn ich nachgebe und es doch einmal versuche, vielleicht nur aus Anerkennung der Erkenntnis, dass ein „Wie fühlst du dich?“ nicht das Gleiche ist wie ein „Wie fühlst du dich wirklich?“ sowie ein Sitzen eben auch nicht nur ein Sitzen sein muss.

Ein bisschen müde sicherlich, ein bisschen unkreativ, ein wenig wie das Wetter und vielleicht ohne „really“ wünschend, dass die Sonne rauskäme, obwohl wissend, dass die Motivation, dann rauszugehen, gar nicht so leicht aufzubringen wäre.

Gute Voraussetzungen um eine Album-Review zu schreiben? Ein unbegründetes Ja!

Die ersten Akkorde vom Opener Hopefulessness klingen erst mal nicht so, als würden sie Mut verbreiten, die Stimmbänder in Schwingung zu versetzen und die ganz tiefen Emotionen und Gedanken rauszuhauen. Auch die etwas geheimnisvoll-ruhige Stimme von Courtney Barnett klingt wenig sprech-ermutigend und spätestens als es dann heißt: I don’t wanna, I don’t wanna know ist das kleinste bisschen Redenswille wieder verpufft.

Aber wir fangen ja gerade auch erst an, nähern uns einander, kommen in eine etwas träge, entspannte Stimmung und kriegen in dem Sinne Verständnis entgegengebracht, dass es in Ordnung ist, auch mal nicht so gut drauf zu sein.

Your vulnerability

stronger than it seems

You know it’s okay

to have a bad day

(Hopefulessness)

Geht allen so und muss ja auch nicht immer direkt kommuniziert werden. Kann aber. Via Facebook oder über quietschende E-Gitarren und dumpfe Schlagzeugschläge, schleppend, bedrohlich und irgendwie unangenehm, aber nicht genug, um aufzustehen und die Musik abzuschalten, wenn man erstmal erschöpft ins Sofa gesunken ist.

Gut, dass es weitergeht, trotz Hoffnungsvollerlosigkeit.

Und das gleich in einem ganz anderen Ton: schneller, positiver und mit einer klaren Anweisung:

Sometimes I get mad,

it’s not half as bad,

pull yourself together

and just calm down!

(City Looks Pretty)

In Need a little time ploppt der Gedanke auf, dass der Albumtitel vielleicht gar nicht zwingend eine Aufforderung nach außen sein muss, sondern ebenso gut auch nach innen gerichtet sein könnte. Alleine stehe ich als Hörerin also offensichtlich nicht da mit aufgehübschten oder gar verheimlichten Gefühlen und Gedanken und zusätzlich bekomme ich gezeigt, wie sich ein Geständnis künstlerisch verpacken lässt:

I am sorry that I lost my patience

you deserve better it’s true

I need a little time out

I need a little time out from me, me, me

Überraschungsmoment

and you.(ooh)

You (ooh)

(Need A Little Time)

Ein Angebot zum Zuhören und die Aufforderung zu sprechen und an anderer Stelle zu schweigen. Von anstrengend über ironisch, fröhlich anmutend, kreischend und zum Haareschütteln – innerhalb und außerhalb der Schädeldecke – weitgehend geradeheraus und auf eine glaubhafte Art ehrlich und zum Ende hin angenehm ruhig, um nach einem unperfekten „Über die Holzdielen-Geschlitter“ während Crippling Self Doubt And A General Lack of Self Confidence wieder auf’s Sofa zu fallen.

Im Kopf nach innen-gewandte Geständnisse und der Wunsch nach etwas Ruhe.

You know your presenence is present enough

I got a front row seat

it’s all the same to me

I spent a lot of my time

doing a whole lot of nothing

I know you’re doing your best

I think you’re just doing fine

(Sunday Roast)

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!