Die Lieferanten im Gleis 22 in Münster – [Konzert]

Seit unserem EP-Release-Konzert-Bericht hat sich einiges getan bei Münsters sympathischster Band. Die Lieferanten haben es nicht nur als Repräsentanten der Münsteraner Kulturszene in den Imagefilm der WWU geschafft, sondern außerdem 25 Konzerte in diesem Jahr gespielt, das letzte am 15.11.  zusammen mit Binyo, der soeben sein zweites Album Die Schnuppe vom Stern veröffentlicht hat (Review folgt).

Es überrascht nicht, dass sich beim Auftritt der Band eine Fülle von Menschen vor der Bühne im Gleis 22 drängt und direkt beim ersten Song mitswingt. Der Sound erinnert auf irgendeine Art an einen Celebrations-Werbesong, was irgendwie irritierend ist, gleichzeitig aber auch direkt zu funktionieren scheint. Jedenfalls fallen mir neben der Assoziation zum Soundtrack fliegender Schokoriegel lauter peinlich klingende, aber positiv konnotierte Wörter wie „fetzig“ und „groovy“ ein. Der Spaß an der Sache wird Jonas, Aaron, Moritz und Lukas aka Die Lieferanten jedenfalls direkt und mit einem Klick abgekauft!

Aber spulen wir erst noch einmal zurück, immerhin ist ein Kuchen viel schneller gebacken, wenn der Ofen vorgeheizt wurde und die Aufgabe übernimmt am 15.11. Binyo. Zusammen mit Christian, der heute Abend für den untermalenden Sound sorgt, der sonst auch mal von drei, vier oder fünf Leuten gebastelt wird. Aber heute sind sie nur zu zweit. Funktioniert auch, sehr gut sogar.

Binyo präsentiert durchmischt Lieder von seinem neuen und seinem alten Album, mal ruhiger und die Anwesenden sich in die Arme nehmend, dann schneller und die Publikumsstimmen integrierend. Textlich geht es von Fehlern über Fahrräder zu Frodo und Kuhfladen 

Ich schlaf zu wenig, esse nicht genug

Hab zu viel Stress

Ich schaff das eh nicht

Mein Blutzucker sitzt im Keller fest

[…]

Und dann seh ich da im Fernsehen

Diesen kleinen Mann

Über ihm bricht die Hölle aus

Da hab ich es erkannt

Ich will nicht tauschen

So schlecht bin ich gar nicht dran

(Frodo)

Es ist schön, wir sind warm, auch Moritz tanzt vor der Bühne, bevor er mit seinen Bandkollegen selbiges auf ihr fortsetzt. Auf den Celebrations-Opener oder auch „One klick – buy“ folgt ein neuer Song in sexy jazzigen (ich zieh das jetzt durch) Sound, der die Theke scheppern lässt. Moritz singt mit einer Teetasse zu seinen Füßen von kaputten Fahrradreifen und Resignation, die sich jedoch nicht bis aufs Äußerste ausreizen lässt:

Ich hänge lieber alles an den Nagel anstatt mich auf.

(Platter Reifen)

Ob man hier jetzt wirklich von einer positiven Grundstimmung sprechen kann, ist ohne die Musik dazu sicherlich fragwürdig. Aber die vier Jungs da vorne auf der Bühne wirken nicht so, als würden sie in nächster Zeit mit dem Musizieren aufhören und das ist doch schon mal beruhigend! Sie machen das aber auch wirklich gut. Moritz zappelt zwischenzeitlich so wild auf der Bühne herum, dass man fast Angst bekommen könnte, er würde in die Menge stürzen, wobei die ihn problemlos einmal durch den Laden und zurück auf die Bühne befördern würde, da bin ich mir sicher. Jonas unterstreicht die Dancing-Skills mit Keyboard-Soli und die Band gibt sich wider ihren Worten den Scheiß und wir haben Spaß. Am Dabeisein. Am Mitsingen. Am Komplimente bekommen: „Ihr seid süß!“

Es ist schon erstaunlich. Da stehen vier Jungs mit Instrumenten auf einer kleinen Bühne in einer Location, in der in diesem Jahr unter anderem schon Giant Rooks, Von wegen Lisbeth und Sookee gespielt haben, haben offensichtlich Freude an dem, was sie tun und scheinen entgegen ihrer Prioritäten, zumindest für diese Musikminuten an diesem Mittwochabend die Welt für die Anwesenden ein bisschen besser zu machen. Jedenfalls habe ich zwischenzeitlich den Eindruck, dass die Masse selbst dann jubeln würde, wenn die Bandmitglieder einmal komplett ihre Bühnenplätze tauschen und anschließend ein Bendzko-Forster-Burani-Medley spielen würden, obwohl ich beim Tippen selber gerade denke, dass das auch tatsächlich irgendwie ziemlich krass und vermutlich nicht mal schlecht wäre. Und, außerdem wissen wir ja auch schon vom EP-Release in der Sputnikhalle, dass es bei den eigenen Instrumenten nicht aufhört mit dem Musikalisch-Sein.

Also, ja, die Begeisterung der Menge ist nachvollziehbar, keine Frage.

Weiter im Text. Feuerzeuge gezückt, es wird (sich) verschwommen, Richtung Großhirnrinde, wo uns unsere Emotionen bewusst werden. Das ist schön und den meisten bekannt, was Menschen in anderer Menschen Arme und Lippen zur Bewegung treibt. Aber es gibt auch noch mehr Neues:

Mit dir bin ich nackt

Mit dir kann ich alles sein

Mit dir reich ich mir,

bin ich reich an Dir

(Nackt)

Du hast dir mehr erhofft,

das mag schon sein,

ein neues Trostpflaster

findet sich von allein

 

Du hast so viel gefühlt

keine Angst

so weißt du wenigstens,

dass du es noch kannst

(Trostpflaster)

Über die Texte sprechen wir nur am Rande, als ich Jonas und Lukas zum Mittagessen treffe. Sobald ein Text durch Moritz präsentiert wird, betrachten sie ihn allerdings als Lieferanten-Projekt und geben ihn nicht wieder her, auch, wenn Moritz ihn sich auch gut für sein Soloprojekt vorstellen könnte. Seit September 2016 treiben die vier Jungs jetzt schon zusammen musikalischen und auch privaten Schabernack, bringen alle ihren eigenen Drive mit auf die Bühnen Deutschlands, bewerben sich bei verschiedenen Festivals lieber zweimal zu viel als einmal zu wenig und treiben mit dem wie von selbst laufenden Bandprojekt immer näher auf ihren Jugendtraum zu. Sie haben Edelfans und zu selten Kugelschreiber dabei, um auf ihrer EP zu unterschreiben, die sie zum „Pay what you want“-Preis feilbieten und sind hoffentlich demnächst im Besitz des alten Asta-Bulli, um Mietkosten zu sparen und das Geld dann in eine neue EP stecken zu können. Bislang gibt es da noch keine konkreten Pläne, aber ins Studio wollen Aaron, Jonas, Moritz und Lukas auf jeden Fall bald wieder. Denn auch, wenn es den Jungs zur Zeit nicht darum geht, mit ihrer Musik Geld zu verdienen, sondern darum, Spaß zu haben und zu verbreiten, braucht es doch einiges an finanziellen Mitteln, um eine CD zu produzieren. Da ist es doch schon mal gut, dass sogar Tim Neuhaus, der Schlagzeuger von Clueso, den die Lieferanten zufällig in Berlin getroffen, erkannt und dann zusammen mit ihm 2 Stunden lang Bier an einem Späti getrunken haben, mit ihrem Band-Sticker auf dem Auto durch die Weltgeschichte cruist und, wie hoffentlich auch dieser Text, zum Reinhören und Supporten von den Lieferanten motivieren kann. Selbst erkannt wurden sie bislang zwar erst einmal auf einer Party, aber das ändert sich sicher auch noch, wenn erst die geplanten Live-Videos online und die nächsten 25 Konzerte gespielt sind. Ich bin jedenfalls jetzt schon überzeugt und auch auf dem Konzert im Gleis war die Frage nach Begeisterung, deren Stellen sich auf den Wunsch Lukas‘ nach einem Lied zum Thema Begeisterung zurückführen lässt, längst bejaht, bevor sie gestellt wurde.

Dann folgen Schlag auf Schlag die nächsten bekannten Songs: Alleine von Alleine und Knick in meiner Optik, bis es dann wieder heißt: „Der nächste Lied… ist auch eine neue Song!“ Und, bevor man sich noch lange über diese interessante grammatikalische Konstruktion Gedanken machen kann, pustet uns der Laubbläser die nächsten Töne in die Ohren.

„Wir möchten jetzt noch ein bisschen Schabernack treiben!“ – Wir bitten darum! Und mit Pauken und Trompeten beläuft sich die Zahl der gespielten Songs (exklusive Zugaben) am Ende auf 13.

Es ist warm, im Gesicht, im Bauch und unter den Armen, trotzdem wackeln in der Menge immer wieder Popos zusammen, als wollten sie sich wärmen. Als im Song zur lässigen Basslinie von Aaron geschnipst wird, ertönt es vor uns in der Menge:

„Ich kann nicht schnipsen!“ „Dann lern es!“

Wo er recht hat…. Wenn nicht hierfür, wofür dann?!

Für die zweite Zugabe holen Die Lieferanten noch einmal Binyo und Christian auf die Bühne und alle zusammen performen Alles, was du has(s)t zum Schunkeln und Schabernack treiben. Ein großer Abschied mit zwei Mündern vorm Mikro, Rapeinlage von Binyo und einer zufriedenen Menschenmenge.

Ich bin nur das,

was du aus mir machst

Alles, was du has(s)t bin ich

und das bin ich nur für Dich

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!

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