Wir sind komplett im Harz – So war das Rocken am Brocken-Festival 2017

Montagmorgen

Ich trinke die zweite Tasse Tee, fühle mich leicht-fiebrig und, wenn man mich so sieht, könnte man fast denken, ich hätte drei Tage Grippe hinter mir; obwohl eher die Muskeln als die Gelenke schmerzen. Der Grund für meinen Zustand ist allerdings ein anderer und zwar das Rocken am Brocken Festival 2017, das für die letzten drei Tage mein Zuhause war.

Das macht sich gerade daran bemerkbar, dass ich — obwohl ich die Autos auf der Straße fahren und die Flügel einer ziemlich fetten Fliege surren höre — finde, dass es erstaunlich still in der Wohnung ist. Die Musik fehlt, vertrauter Atem neben mir, das Lachen aus den benachbarten Zelten, die spontanen Gitarrenständchen und morgendlichen Zauberspruch-Zitate: Es heißt LeviosA und nicht LeviOsa!

Gut, dass ich ein Notizbuch dabei hatte; gut, dass die Leute aus unserem Camp Freude daran hatten, es zu füllen. Ich glaube, eine Rekonstruktion ganz ohne schriftliche Stichpunkte grenzt an eine Unmöglichkeit. Sherlock-Watson hilft, mit Alufolienkappe,- pfeife und Lupe: Wir gehen auf Spurensuche.

Donnerstag

Das Gelände ist angenehm klein, umgeben vom Harz reihen sich Zelte aneinander, der Campingplatz ist ohne Ticket begehbar und der Parkplatz drei Minuten vom Festivaleingang entfernt. Alles unkompliziert und dann dieser Moosbewachsene Boden im Wald, der mindestens genauso verzaubert aussieht wie es sein musikalisches Pendant auf dem Festival-Gelände ist: Ich bin sofort angetan! Unser Camp liegt direkt am Eingang, was bassreiche, schlafminimierte Nächte verspricht. Bei den Menschen, die hier mit mir für 3,5 Tage leben ist das aber kein Thema: mit denen kann man wach bleiben. Es gibt eine kurze Vorstellungsrunde, dann dreht die deckellose Pfeffiflasche eine und schon wird alles ein bisschen rauchig-rauschig und die nächsten Schritte nicht mehr komplett nachzeichenbar, sondern eher fragmentarisch.

Es zieht uns zur Musik.

Die Schlangen am Eingang sind nach Geschlechtern getrennt, nach zwei Geschlechtern. Ich bin empört und finde es gut, dass meine Kritik angehört und mit Verständnis bedacht wird. Am nächsten Tag bereits scheint sich das Ganze glücklicherweise von selbst erledigt zu haben: Jede*r steht an, wo er*sie will und niemand beschwert sich.

Wir tanzen im Zauberwald, ich hab keine Ahnung, wie spät es ist und wer spielt, aber es ist gut.

Dann stehen einige von uns bei Bosse, obwohl eigentlich niemand hinwollte und es gefällt auch eher geringfügig – bis ich Manuel kennenlerne. Manuel ist Bosse-Fan, schon ewig und findet Worte, die so tippfertig klingen, dass ich ihm tausendmal sage, dass er unbedingt bei uns am Camp vorbeikommen muss, damit ich das alles ganz genau notieren kann: Wir treffen uns nicht wieder. Aber ich höre die letzten Bosse-Lieder irgendwie anders und habe zumindest ein paar Stichworte in mein Handy notiert:

Musik, die sich ohne Peinlichkeit mit den Eltern teilen lässt. Und heute? Ja, das hört sich ein bisschen wie Max Giesinger an, aber die alten Sachen seien unglaublich nahbar.

Das klingt schön und überträgt sich auch ein bisschen auf die Musik von der Bühne, auch wenn sich in meinem Notizbuch später etwas anderes lesen lässt:

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Die Nacht endet im Jägerzirkus, dazwischen liegen verschwommene Stunden. Zwischendurch verschwindet der Fuß unserer Eule im Hasenbau und sie entgeht gerade so einer Zukunft mit Holzbein. Die Schuhe überleben das Festival allerdings nicht.  DJ Mauf! legt irgendwann Linkin Park auf und auf eine wortlose Art sind sich alle plötzlich nah und legen gedenkende Tanzminuten für Chester ein. Vermutlich kann es kaum ein besseres Ende für einen ersten Festivaltag geben: ich gehe schlafen.

Und schlafe sogar gar nicht mal so schlecht.

Freitag

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Freitag ist Unterhemden-Tag und der wird auch gelebt. Frühstück mit Schnaps und dann erstmal Frühsport. Aggro-Yoga mit dem Boxenden Bären, Capoeira in passender Hose, Kung-Fu-Moves von unserem Panda und um 13h dann professionell angeleitetes Acro-Yoga auf dem Festival-Gelände. Ich erwarte eigentlich ein paar wirklich akrobatische Moves, der herabschauende Hund ist dann aber auch schon anstrengend genug. Die Sonne scheint, Wolken ballen sich zwischen Fichtenwipfeln, es riecht nach Gras (ungeraucht) und zwischendurch gibt‘s einen Schluck Bier zur Erfrischung.

Das Rahmenprogramm, das sich von Bewegungsmaßnahmen über schöne Schminkstunden bis hin zu einem Siebdruck-Workshop erstreckt, bildet neben der liebevollen Dekoration der einzelnen Bühnen eine weitere Besonderheit und Schnuckligkeits-Förderung für das Rocken am Brocken Festival, die es in meinen Augen noch begeh(r)enswerter macht.

Zurück bei den anderen: Wir spielen 13 Prost, es ist sehr niveau- und anspruchsvoll. Dann erzählen Eule und Dino ihre Liebesgeschichte und die könnte glatt der Story aus How I met your mother Konkurrenz machen, so schön ist sie. Am besten ist die Stelle mit dem Eis im Rucksack, nach drei Stunden durch Kühlpacks immer noch kalt und dann auch noch Ben&Jerry’s!

Der Liebesrausch überträgt sich auf alle Anwesenden und es wird ge“oh“t und ge“ah“t und alle haben sich gefühlt noch gerner als sowieso schon. Dann ist Tanzen angesagt: Balkanparty bei Acrobatic Colours für die einen, Milliarden für die anderen. Es folgen Feine Sahne Fischfilet und Neonschwarz und die Bezeichnung des Festivals durch den Skelett-Anzug-tragenden Sänger von Milliarden als „Zeckenveranstaltung“ klingt im Kopf nach.

Alle sind „komplett im Arsch“, aber so richtig stimmt das nicht, denn die Energie ist noch deutlich zu spüren. Sie trägt uns weiter durch die Nacht, jedoch nicht ewig lang und das Einschlafen passiert für einige eher zufällig.

Samstagmorgen

Regengetrommel bildet die erste akustische Untermalung an diesem Morgen. Für diejenigen unter uns, die sich nicht um ein Akustik-Pfad-Ticket gekümmert haben und denen demnach nicht eine 6-Stunden-Wanderung durch den Harz mit Musikpausen bevorsteht, lädt das erstmal noch zum Liegenbleiben ein. Dass sich das frühe Aufstehen für die Veranstaltung, die dem ersten Punkt des Festivalmottos Natur, Musik, Freundschaft alle Ehre macht, trotz Nässe gelohnt hat, erfahren wir später von den zwar feuchten doch überaus fröhlichen Wiedergekehrten. Ob trotz oder gerade wegen der Aufforderung, weniger zu tanzen und mehr Aufmerksamkeit den auftretenden  Musiker*innen zu widmen oder einem schlechten Witz, der vor 200 Leuten erzählt wird,  sei dahingestellt. Eine der Bands ist jedenfalls überzeugt von unserer Wandergruppe und beehrt uns am Nachmittag mit ihrer Anwesenheit.

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Es hört lange nicht wirklich auf zu regnen, was schließlich den Plan, ins Waldschwimmbad zu laufen, zunichtemacht. Also kein Schwimmen und Duschen, dafür aber Frisbee mit Keksdosendeckel und unfreiwilliger blauhaariger Zielscheibe.

Geplant ist es, pünktlich zu Drangsal auf dem Festivalgelände zu sein. In meiner Erinnerung schaffen wir es aber erst zum nächsten Act: Roosevelt bringt mit seiner Band in ihren weißen Anzügen und mit der entspannten Musik eine ganz besondere Stimmung ins Publikum, ein bisschen 70er-Style, träumerisch und fiebrig.

Es folgen Handbrot, Bier und dann SXTN, die für überraschte Lacher, ekstatisches Tanzen und das Bedürfnis, sich noch einmal genauer mit ihnen zu beschäftigen, sorgen. Lässt sich das auch nüchtern ertragen und sollte man sich so eine Frage überhaupt stellen müssen?

Für Gurr reicht dann leider die Kraft nicht mehr, stattdessen müssen wir erst nochmal durchatmen, bevor dann mein persönlicher musikalischer Höhepunkt des Wochenendes auf die Bühne kommt: Irie Révoltes zieht es auf ihrer Final Festival-Tour auch in den Harz und da machen sie wie erwartet Stimmung bis zum Umfallen oder zumindest bis „komplett im Arsch“ jetzt langsam wirklich Allgemeinzustand ist.

Die Fäuste gehen hoch, die Schuhsohlen verlassen den Boden: Tempo, Energie und zwischendurch Akustik-Pfad-Feeling, als die Musik leise wird und die Menge ruhiger. Wir verlieren uns in der Menge, finden uns immer wieder, alle sind berauscht und meine Füße nicht nur heftig dreckig, sondern auch ziemlich schmerzend, doch es hat sich übermäßig gelohnt: Merci für diesen wahnwitzigen Abschied!

Danach ist dann wirklich die Puste raus und obwohl Le Fly noch im Partymodus sind, bin ich es langsam nicht mehr: Also erstmal hinsetzen!

Und da ist sie auch schon, die entscheidende Frage, die mit den nächsten Bieren aufkommt: Was machen am letzten Abend? Früher ins Bett, um fit für die Rückfahrt zu sein oder tanzen bis zur letzten Minute?

Wir entscheiden uns für die zweite Option, müssen allerdings feststellen, dass das Festivalgelände in unserer Abwesenheit abgeschottet wurde und uns der Eintritt verweigert wird. Weil die Party angeblich gleich vorbei ist. Das wirkt da hinter dem Bauzaun aber ganz anders! Unser Panda gibt sein Bestes und schließlich geht die Party für uns doch noch eine Stunde länger weiter als angekündigt. Wie genau, bleibt ein Geheimnis. DJ Edward Dean hat auch nach 5:00 Uhr noch Bock, muss sich jedoch den Ansagen der Orgaleute fügen und die lautet jetzt wirklich: Nachtruhe! Also gönnen wir uns noch die drei Stunden Schlaf, bevor es heißt: Packen und Abfahrt.

Davor gibt es einen Applaus für das Festival, der über das gesamte Gelände zieht und bei der Location, dem Line-up und den liebevollen Menschen noch einige Stunden hätte andauern dürfen.

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!

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