Faber über Kapitalismus, David Guetta und politische Musik [Interview]

Faber gehört neben Bands wie Von Wegen Lisbeth wohl zu dem Spannendsten, was der deutschen Popmusik in den letzten zwei bis drei Jahren passiert ist. Am 07.07. erscheint nach zwei EPs nun sein Debüt-Album „Sei ein Faber im Wind“. Wir haben kurz vor dem Release mit dem Schweizer Liedermacher telefoniert.


Kommen wir gleich zum Punkt. “Sei ein Faber im Wind” heißt dein Debüt-Album. Was ist ein “Faber”?!

Ja, der Titel vom Album. Mh. Also ich find‘, der sagt ganz viel und ist trotzdem ziemlich frei von Inhalt. Ich finde das hat was Frisches. Und auch ein bisschen was abenteuerlich. Ich finde es einfach total stimmig. Auch wenn es natürlich ein wenig Inhaltsleer ist.

Man hat das Gefühl, dass man es versteht, ohne nur den blassesten Schimmer zu haben.

Ja, genau! Aber das mir gleich. Also ich weiß eigentlich mehr über die Sachen, die ich schreibe, als andere Leute – eigentlich.

Wo wir bei einem anderen spannenden Aspekt sind. Worauf legst du oder ihr als Band mehr Wert? Kommt zuerst der Text oder zuerst die Musik?

Das lässt sich ehrlich gesagt, eigentlich gar nicht sagen, weil wir absolut keinen festen Ablauf haben. Wenn ich Glück hab, dann platzt das gleich so aus mir raus und ich mache beides gleichzeitig; alles ist stimmig und ich brauche nur 20 Minuten und der Song ist fertig. Und manchmal dauert es ewig und ich probiere hunderte Stunden rum, bis ich ein paar Harmonien zusammen habe, die am Ende dann trotzdem immer dieselben sind.

Aber wenn ich mit meinem Teil fertig bin, kommen natürlich auch immer noch die anderen dazu, die dann auch noch etwas verändern. Wir schreiben die Songs zwar nicht zusammen, aber sie sind trotzdem ein sehr wichtiger Bestandteil der Sache.

Entsteht da auch der relativ starke Polka Einfluss?

Naja, also ich gebe die Songs in ihren Grundzügen schon vor. Also ich weiß in der Regel beim Schreiben schon, wie die einzelnen Lieder klingen sollen. Aber jeder in der Band, macht dann trotzdem irgendwie das daraus, wo er Bock drauf hat und jeder ist in einem gewissen Rahmen sehr frei.

Und jetzt im Speziellen dieser ganze Polka oder auch der Balkan-Shit und auch die Chanson-Sachen: Das sind einfach Dinge, die wir als Band und ich auch selbst sehr gern höre. Also es pendelt ein wenig zwischen klaren Zielen so, “Ey ich hab da jetzt Bock drauf, das so und so zu machen.”, und unterbewussten Einflüssen. Wahrscheinlich.

Aber ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die Songs oft von einem starken Kontrast zwischen dunklen, ironischen Texten und locker tanzbarem Balkan geprägt sind.

Also es ist nicht nur bewusst, aber es hat auch immer den Teil, dass ich es einfach total lustig finde, wenn wir zum Beispiel “Bleib dir nicht treu” auf der Tour spielen und es richtig viele Leute mitsingen, als wäre es eine Hymne. Schon sehr geil. Oder wenn Leute zu “Wenn du am Boden bist, weißt du wo du hingehörst.” wild rumspringen. Das hat einfach einen sehr eigenen Witz. Aber ist auch kein Klamauk oder ulkig. Lustig, dass die Leute das überhaupt mitmachen.

Neben den Klassikerthemen wie “Liebe” und einem gewissen Gegenwind zum aktuellen Zeitgeist positionierst du dich in den Songs teilweise auch klar gegen Fremdenfeindlichkeit. Ist es dir wichtig als Musiker politisch zu sein?

Ja, schon eigentlich. Also ich finde es nicht verwerflich, wenn man das nicht ist. Wenn es dich nicht interessiert, dann interessiert es dich eben nicht. Man kann niemanden zwingen sich zu engagieren.

Gerade wenn du theoretisch viele Leute beeinflussen kannst, dann wäre es eigentlich sehr wichtig. Auch wenn ich nicht glaube, dass das der Beweggrund ist, aus dem Leute politische Musik machen, sondern dass es vielmehr darum geht, dass man sich selbst damit beschäftigt. Deshalb schreibst du sowas. Nicht, weil du irgendjemanden bekehren willst. In den meisten Fällen “predigst” du ja auch zu Leuten, die sowieso die selbe Meinung haben, wie du.

Also erschien zum Beispiel “Wer nicht schwimmen kann der taucht” 2016 auch einfach, weil dich die Flüchtlingskrise beschäftigt hat und nicht, weil du das Gefühl hattest, da unbedingt etwas sagen zu müssen.

Ne, natürlich, weil es mich einfach beschäftigt hat. Andererseits würde ich das andere natürlich auch niemals zugeben. Die Frage erübrigt sich also total. (lacht)

Wo wir aber zu einem anderen Thema kommen. Auf dem Album sind ja auch ein paar “alte” Songs, die schon auf deinen EPs veröffentlicht wurden. Warum?

Es sind drei Songs drauf, die wir vorher schon mal aufgenommen haben. Und es sind total unterschiedlich Gründe. Also bei “Alles Gute” und bei “Wer nicht schwimmen kann, der taucht” hätte ich es einfach schade gefunden, wenn das nicht auf das Album gekommen wäre. Weil ich glaube auch, dass das Album ein wenig eine Sammlung ist aus den letzten Jahren und was in denen alles passiert ist. Auch wenn das vielleicht ein wenig unromantisch klingt.

Bei “Bleib dir nicht treu” ist es ein wenig was anderes. Ich hab das Lied schon sehr lange und in extrem vielen Variationen aufgenommen. Und ich wollte einfach nochmal eine machen, die ich noch geiler finde. Vorher war ich irgendwie nicht richtig zufrieden. Wir haben uns jetzt nochmal ganz anders damit befasst. Da hab ich mir dann auch einfach nochmal wirklich Zeit genommen, um das Zeug umzuschreiben. Und finde auch, das ist bei “Bleib dir nicht treu” sehr gut gelungen.

Um nochmal auf die Texte zu kommen: Du arbeitest sehr oft mit Ironie und skizzierst Situationen so, wie du sie eigentlich nicht erleben magst. Keine Angst, da mal missverstanden zu werden?

Also ich wurde auch schon mal missverstanden. Eigentlich werde ich vielleicht auch recht oft missverstanden. Das ist aber bei “Wer nicht schwimmen kann der taucht” auch nochmal ein wenig eine andere Sache. Da finde ich, ist es schon sehr klar, dass ich einen anderen Standpunkt vertrete. Weswegen ich das da jetzt auch rausnehmen würde. Obwohl ich selbst da schon falsch verstanden wurde. Ich Berlin hat mal jemand von hinten geschrien: “Für Nazi scheiß gibt’s kein Applaus” und ist rausgelaufen. Das war schon ein bisschen absurd.

Und bei manchen anderen Sachen, wie auch “Bleib dir nicht treu” bin ich nicht ganz sicher. Ich würde das nicht als Ironie bezeichnen, glaube ich. Es sind ja auch teilweise Sachen, bei denen ich nicht unbedingt sicher bin, ob die nicht vielleicht auch in Wirklichkeit so sind.

“Verrate deine Freunde, wenn man dich dafür belohnt.”

Ja, sowas zum Beispiel. Der pure Opportunismus pur. Ich würde, das zwar selbst auch nie so unterschreiben, aber ich würde schon sagen, dass unser System im Groben oft so funktioniert. Klar, wenn man das auf Freunde und Familie bezieht, klingt das viel härter als wenn es Kollegen oder das Business sind. Aber im Grunde ist es gar keine Unwahrheit, dass es viele Leute so sehen und auch so handeln.

Passend dazu: In einem Interview hast du mal gesagt, du würdest gerne ein Feature mit David Guetta machen. Ist das noch akut?

Oh Gott, was war das denn für ein Interview? Naja, kann schon sein, dass ich das gesagt habe. Ich widerspreche mir auch ganz gerne mal selbst. Ne, heute würde ich kein Feature mehr mit ihm wollen. Heute würde ich lieber einfach eine neue Version von “I’m a Survivor” machen.

Die Begründung für das Feature war aber sehr gut: “Egal wie scheiße man die Musik findet, irgendwie bekommt er es hin, dass alles von ihm ein Hit wird.”

Ja, fuck das stimmt! Irgendwie bekommt der das hin. Also es würde sich tatsächlich bestimmt lohnen. Und ich glaube auch, der ist ganz nett. Ich hab mal ne Doku über ihn gesehen und da wirkte er ganz witzig. Zwei zu null für David Guetta!

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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