Judith Holofernes über Streaming, das Musikbusiness und Crowdfunding [Interview]

Die ehemalige Wir Sind Helden-Sängerin war einst bekannt als „Lehrerin der Nation“, erklärte uns die Welt und das Dating-Verhalten von Deutschen. Uns hat sie im Interview – nun als Solo-Künstlerin – erklärt, warum das Musikbusiness am Abgrund steht und schon kleine Gesten das Internet zu einem besseren Ort machen könnten.


Was Leichtes zum Einstieg: Musik oder Text?

Puh, das versuche ich seit Jahrzehnten herauszufinden. Ich hör‘ viel afrikanischen Jazz, wo ich den Text natürlich nicht verstehe. Wenn die Musik geil genug ist, dann ist mir das aber egal. Also man kann schon viel ausgleichen, wobei es mir aber auch nicht egal ist, wenn die Musik mir gar nicht gefällt – auch nicht wenn die Texte gut sind. Das muss für mich schon immer zusammenkommen.

Stichwort “Analogpunk”: Stream oder Vinyl?

Vinyl. Und eigentlich auch Streaming. Wobei es eigentlich scheiße ist, das zu sagen, aber es ist einfach die Wahrheit. Ich habe zum Beispiel so Momente, in denen ich mich ärgere, dass nicht genug Leute meine Platte kaufen. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: Was ist das für ein beschissener Beruf, dass ich noch Leute überreden soll, meine Platte zu kaufen – ich kauf‘ doch selber keine mehr. Also ich kaufe Vinyl, aber egal wie sehr gefeiert wird, dass Vinyl jetzt wieder so viel gekauft wird – davon kann kein Schwein leben. Und genau das, was ich jetzt auch mache, Vinyl + Streams, das treibt uns alle an den Abgrund!

Ich habe neulich mal ausgerechnet, man müsste meine Platte irgendwie drei Wochen am Stück auf Repeat streamen, damit es mir vielleicht so viel Geld bringt, als wenn man sie gekauft hätte. Drei Wochen, Tag und Nacht, auf Repeat. Also das Problem ist noch nicht gelöst, aber so wie jetzt geht das nicht. Aber ich finde es selbst auch total bescheuert gegen die Zeit zu arbeiten. Irgendwie müssen wir das anders machen. Die Frage ist eben nur noch wie.

Also muss sich irgendjemand etwas Kluges ausdenken.

Ja, genau. Ich bin dabei (lacht). Aber noch möchte ich zu Protokoll geben: Wenn man mich und meine Arbeit irgendwie gut findet und unterstützen möchte, dann muss man leider noch meine Platte kaufen. Und wenn man keinen Plattenspieler hat, dann muss man sie sich eben an die Wand nageln und dann trotzdem streamen (lacht).

Kolumne: Streaming Sucks?!

Oder eine CD, solange es die noch gibt. Eigentlich ja ein überflüssiges Medium.

Ja genau. Zwei Monate oder so. Und ich kann doch nicht aus voller Überzeugung irgendjemandem sagen, dass es voll geil ist, ’ne CD zu kaufen. Ich find‘ CDs ja selber voll scheiße. Aber tatsächlich habe ich das jetzt öfter mal, dass Leute mich explizit via Twitter oder E-Mail fragen: “Wie kann ich dich unterstützen? Ich find‘ das toll, was du machst, aber ich habe gar keinen CD-Player mehr.” Und dann denke ich mir: “Ja, genau – das müssen wir uns alle fragen!”.

Wenn wir schon dabei sind: Lass uns über das Internet reden. Du hast mal eine Weile jeden neuen Follower bei Twitter mit einer persönlichen Nachricht begrüßt.

Mach ich immer noch. Ich weiß nicht, wie lange ich es noch schaffe, weil es jetzt natürlich mit der neuen Platte alles so ein ganz bisschen angezogen hat, aber ich mach’s noch.

Du schreibst wirklich jedem?

Jedem. Ich gucke mir jedesmal das Profil kurz an und schreibe dann was kleines. Das ist wie eine Meditation. Ich freue mich auch über jeden. Außer wenn mir jemand komisch vorkommt, dann bekommt der auch keine Begrüßung. Was nicht bedeutet, dass ich jeden, dem ich nicht schreibe, komisch finde. Ich bin einfach kein Bot und mir gehen Leute durch die Lappen. Manchmal komme ich da ein bisschen durcheinander.

Ich habe mich auch sehr gefreut, als ich tatsächlich eine Nachricht bekomme habe.

Ja, das ist doch auch einfach gut fürs Herz! Obwohl es tatsächlich auch Leute gibt, die das blöd finden. Dabei könnten sie das auch einfach ignorieren.

Neben Twitter hast du ja auch noch deinen Blog. Und wenn man das so sieht, hat man das Gefühl, dass du dich schon eher in das “nerdige” Internet zurückziehst und Facebook eher als Pflichtprogramm durchziehst.

Also ich habe Facebook relativ lange relativ inbrünstig gehasst. Das liegt vor allem an der Struktur, wie das funktioniert. Ich muss ja so eine Fan-Seite betreiben. Und wenn du das hast, dann ist alles verloren. Ich muss ja im Prinzip für jeden Post bezahlen, damit den überhaupt Leute sehen, die denken, sie hätten mich abonniert.

Aber ich habe jetzt rausgefunden, wie mir das Spaß macht: Und zwar als Chat-Medium. Also wenn ich was poste, dann gehe ich in eine Konversation. Vorher hat mich immer diese Einseitigkeit genervt im Vergleich zu Twitter. Also sage ich den Leuten jetzt, dass sie mir Fragen stellen können oder sowas.

Machen wir da doch jetzt einfach mal das Fass auf – gerade weil du das Musikbusiness auch noch kennst, bevor Streaming eine Rolle gespielt hat: Ist alles besser oder schlechter geworden?

Oh Gott! Also ich finde wir sind wirklich in einer total spannenden Zeit. Und “spannend” ist das positivste Wort, was man dafür finden kann, weil es natürlich so eine ganze Mittelklasse von Bands ausradiert, weil man einfach nicht mehr überleben kann. Und wenn du eine Band auf dem Musikexpress siehst, dann weißt du, dass drei von denen Taxi fahren. Und der vierte ist Koch und der fünfte hat ein IT-Beruf und verlässt übermorgen die Band, weil er im Job viel mehr Geld verdient. Das ist einfach die Realität.

Aber ich glaube, es kommt ganz sicher was anderes. Denn ich glaube nicht, dass den Leuten Musik einfach egal werden wird. Und ich glaube deswegen auch, dass sie schon irgendwann merken werden, dass das so nicht geht, wenn die Musiker alle kein Geld mehr verdienen.

Und ich glaube total, dass eine Möglichkeit ist, in die Richtung von Patronage-Systemen zu gehen – sowas wie Patreon oder Crowdfunding-Sachen. Das ist aber auch wieder Geschmackssache und bevorzugt eine ganz bestimmte Art von Künstlern, die das auch können.

Also das Internet begünstigt am meisten Musiker, die am besten jedes Instrument selbst einspielen zu Hause an ihrem Computer. Und es begünstigt hundertprozentig nicht, wenn man, wie ich, ein ganzes Orchester aufnimmt. Das geht eigentlich nicht mehr.

Trotzdem bringt es viel Freiheit. Meine Hoffnung ist ein bisschen, dass der alte Musikmarkt so in Arsch geht und rechtzeitig neue Mechanismen entstehen, dass vielleicht ein interessantes Musikbusiness entsteht, das nicht ganz so hierarchisch und oldschool und scheiße ist. Das ist ja die Hoffnung: Dass sich eigentlich quasi anarchistische Systeme bilden werden.

Aber da sind wir noch überhaupt nicht. Und so wie es jetzt läuft, geht es volle Kanne in die Hose. Ich persönlich finde diese Crowdfunding-Systeme total spannend und ich flirte intensiv mit Patreon für mich, aber alle meine Freunde raten mir vehement davon ab.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das total in die Hose geht. Jetzt bist du zwar ein wenig aus dem Rampenlicht weg, aber trotzdem wird der Vorwurf kommen: “Hä, du bist doch eh reich und Popstar und was soll das denn jetzt?!” Man hat das ja zum Beispiel auch bei Zach Braff (Anm. d. Red.: J.D. aus Scrubs) gesehen, als der seinen zweiten Film “Wish I Was Here” gecrowdfunded hat.

Eigentlich ist das doch scheiße, weil was bedeutet das denn? Soll das heißen, dass du deine Kunst ab einem bestimmten Punkt nur noch als Hobby betreiben sollst, wo du immer draufzahlst? Das ist doch eine grundlegende Kunstfeindlichkeit.

Selbst wenn er sich damit dumm und dusselig verdienen würde, ist es doch was, was nur Fans anspricht. Also wenn du nicht willst, dann musst du das ja nicht machen.

Außerdem funktioniert das ja so auch nicht, weil irgendwann ist das Geld eben auch mal leer und die Leute sehen oft einfach nicht, dass das was wir tun, einfach wahnsinnig viel Geld kostet. Also ’ne Platte aufzunehmen, sechs Leute auf die Bühne zu stellen – das ist ein wahnsinniges Risiko.

Und deswegen kann es total in die Hose gehen. Weil es da ein viel tiefergehendes Verständnis für Kunst braucht und für die Prozesse dahinter. Außerdem kauft man natürlich die Katze im Sack. Das ist bei Patreon schon besser. Da abonnieren die Leute dich ja quasi.

Aber bei Youtube sieht man ja zum Beispiel, wo das hinführen kann. Keiner der Nutzer zahlt etwas, aber wenn dann mal ein Video bei ihrem Lieblingskanal ausfällt, dann drehen sie total durch. Sowas wie Patreon verstärkt das dann natürlich nochmal.

Aber man kann bei Patreon auch einstellen, dass die Leute dich “per thing” bezahlen, also nur dann, wenn du was machst. Also es gibt da schon geniale Ideen und Lösungen. Aber ich sehe natürlich auch, dass man damit total baden gehen könnte.

Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass irgendjemand diese Diskussion führen muss. Irgendjemand muss ja mit diesem Hater-Ding umgehen und den Leuten erklären, dass es nicht zum Künstlersein dazugehört, dass man am Ende dekorativ im Armenhaus verendet.

Trotzdem möchte ich auch nicht unbedingt die sein, die das macht (lacht). Es ist eben auch verdammt anstrengend. Obwohl das ist unser Beruf sowieso, aber eben auch wunderschön und ich liebe ihn sehr.

Ach vielleicht muss ich mich doch als Versuchsobjekt zur Verfügung stellen.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

3 thoughts on “Judith Holofernes über Streaming, das Musikbusiness und Crowdfunding [Interview]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s