Esmé Patterson – We Were Wild [Album-Review]

Es gibt Albumcover, die, sagen wir mal, nicht ganz eindeutig widerspiegeln, was musikalisch auf dem Stück Plastik dahinter zu finden ist. “We Were Wild” ist ein Paradebeispiel dafür. Was erwarte ich von einem Album, auf dem Esmé Patterson mir auf gelbem Grund in vermeintlicher Fifty Shades Of Grey-Manier entgegenblickt? Jedenfalls sicher nicht den introvertiert, reflektierten Rock’n’Roll-Pop, der nach dem Auflegen aus den Boxen dringt.esme-patterson-we-were-wild-artwork“We Were Wild” ist das dritte Studio-Album von Madame Patterson und ihr bisher mit Abstand reifstes. Wo auf Platte Nummer Eins noch die jugendliche Rohheit dem Sound ein paar Ecken abbrach und auf Nummer Zwei, “Woman To Women”, die bewusste künstlerische Unperfektheit zelebriert wurde, dominiert jetzt ein erwachsener Klang, der die neuen 12 Songs im Kontrast fast gediegen – ja, geradezu wohl überlegt – klingen lässt.

Aber was bedeutet das genau? Schlicht gesagt, feiert Esmé Patterson auf dieser LP die hohe Kunst des klassischen Songwritertums. Ohne anbiedernde Schnörkel, ohne wildes Brimborium um ausgefeilte Produktionstechniken, Skills oder Gadgets. Manchmal rutscht ihr zwischen den klassischen Sixties-Rock’n’Roll dabei ein ordentliche Spur Country. Nur eben nicht von der abgedroschenen, schlageresken Sorte, die die Rentnerhaushalte des Landes zu gerne beschallen, sondern von der lässigen, zu der rauchende Cowboys durch Wüstenpanoramen reiten.

So ruhen die zwölf Songs, auf einem soliden und unaufgeregtem Gitarrenspiel und werden vor allem von den oft selbstreferenziellen Texten getragen. Und auch, wenn die im ersten Moment vielleicht nicht immer wie die größte Erleuchtung daherkommen – “Wantin ain’t Gettin” –, steckt in ihnen oft die Einfachheit und Klarheit, mit der uns zuletzt Courtney Barnett beschenkt hat.

“I can’t run forever. I’m no river.”[…]“I know that I’m alive today, but.” – “No River”

Denn auch wenn das ein guter Kalenderspruch wäre, manchmal sind es eben die vermeintlich plumpen Erkenntnisse, die mal gesagt werden müssen: Nein, wir sind kein Fluss. Nein, wir können nicht ewig rennen. Und ja, heute leben wir. Aber…

Und manchmal sollte man ein Album einfach nicht nach seinem Cover beurteilen.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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