Die höchste Eisenbahn in Münster [Konzert]

Kennt ihr diesen Witz? Den mit den zwei Möglichkeiten und dem Klopapier am Ende? Der ellenlang und gar nicht so witzig ist? Aber ein bisschen realistisch schon.

Du verliebst dich und hast zwei Möglichkeiten. Du nimmst Mut und Herz in die Hand und rennst los und handelst ganz nach dem Motto: Einfach mal machen. Und ja, man kann sich innerhalb von 2 Wochen verlieben und ja, sogar innerhalb eines Wochenendes und ist auch egal, ob man sich da jetzt so richtig hundert Prozent sicher ist oder nicht, vielleicht ist es doch weniger, also, ich meine… nein, einfach machen, nicht denken. Klingel drücken und: Hallo, hier bin ich. Keine Zeit zum Denken. Oder du wartest und denkst und reflektierst und überzeugst dich selbst davon, dass der perfekte Moment noch kommen wird, der ist jetzt noch nicht, gestern hat sich’s zwar schon so angefühlt, aber morgen ist es ja vielleicht noch ein bisschen besser und da hast du auch mehr Zeit, das sowieso, also lieber abwarten.

So handhabe ich das. Obwohl der Bandname eigentlich schon dazu drängt, direkt loszulegen und jetzt wird es wortwörtlich Die Höchste Eisenbahn, was auf’s virtuelle Papier zu bringen. Aber Faszination und Freude bringen eben auch immer mal wieder das Gefühl mit sich, dass die richtigen Worte auf den richtigen Moment warten müssen und nach dem richtigen kommt ja vielleicht auch noch ein besserer und nächste Woche vielleicht ein noch besserer.

Aber jetzt reicht’s, Hand auf’s Herz, Notizzettel rausgekramt, in meinem Falle Kinokarten und Einkaufszettel, und zur Erinnerung zum hundertsten Mal das Album „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen?“ auf die Ohren.

Ist das deine Antwort?
Klar, bin ich enttäuscht
Ich hab immer gehofft,
dass noch irgendwas kommt

Geh,wenn du gehen musst
Woanders ist nicht hier
Du verlässt mich nicht
Ich verletz‘ mich mit dir

[…]

Du kannst nicht schlafen
Die Straße rauscht wie ein Meer – „Gierig“

Es ist Montag, der 31.10.2016, Halloween und im Gleis 22 in Münster sind einige Zombies unterwegs.

Der Vorband-Mensch sorgt sich kurz um das Wohlbefinden des blutverschmierten Publikums, aber es geht soweit allen ganz gut. Nur er selbst ist ein bisschen erkältet.

Das sind die Bandmitglieder der Höchsten Eisenbahn nicht. Stattdessen sind sie sogar sehr fit und gut drauf und werfen sich so sehr ins Zeug, dass direkt nach dem ersten Lied, etwas in die Brüche geht. Was genau das ist, bleibt geheim (entweder habend sie’s nicht gesagt oder ich hab’s nicht mitbekommen). Besonders Keyboarder Felix nimmt sich das Motto Halloween schwer zu Herzen und untermalt die Szenerie mit Gruselsounds und noch gruseligeren Geschichten, in denen Exorzisten und Schnitzel auftauchen. Bevor die Menge jedoch ängstlich die Flucht antritt, lockern die beiden Singer und Songwriter Moritz und Francesco mit endlos langen Schwänken aus ihrer Jugend und extrem lässigen Übergängen und Kommentaren die Stimmung auf. So wird Moritz‘ Story von dem Exorzisten als etwas identifiziert, dass doch erfunden sein muss, genau wie das nächste Lied: „Was wir auch erfunden haben, ist das nächste Lied!“ und damit wären wir dann auch endlich bei der Musik angelangt.

Ich sag, ich bin müde
Du sagst, das ist falsch
Gefühle, Gefühle, die fühle ich halt
Du stehst da in Weiß zwischen griechischen Säulen
du sprichst in Zitaten,
ich spreche in Träumen
Da geht’s mal nicht um uns,
da geht’s mal um was Wichtiges – „Beschweren“

Dass die gut ist, hat schon das Album gezeigt. Dass die noch besser sein kann, zeigt die Band jetzt live.

Die Songs vom Zweitwerk der Höchsten Eisenbahn „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen?“, die auf dem Album eher leicht dahinplätschern und wohl oder übel als „etwas lahmer“ abgestempelt werden können, kriegen live und in Farbe von Schlagzeuger Max den nötigen Wumms, um die Knie ins Wippen und die Nasenflügel zum Beben zu bekommen. Alle geben ihr Bestes. Instrumente werden getauscht, Zweitstimmen perfekt eingesungen, Gruselsounds ziehen sich durch und der Mix aus den Liedern des neuen Albums und einigen alten bringen bis auf das Mädchen vor uns, das irgendwie etwas schlecht drauf ist, alle über kurz oder lang zum Tanzen, auch den Typen, der bei besonders langen Gesprächseinlagen immer wieder lautstark verkündet, dass er sich unwohl fühle. Er bleibt trotzdem bis zum Schluss. Auch das Mädchen, das nicht tanzt. Und der Kerl, der völlig neben dem Takt hopst und dessen Anblick mich irgendwie glücklich macht. Die Texte treffen tief, die Töne sitzen live wie auf dem Album und wenn das Gitarre-Stimmen mal etwas länger dauert, weil „Hashtag a“ nicht so richtig will, wird zwischendurch einfach kurz vom Publikum der „Bibi und Tina“-Titelsong geträllert. Die Höchste Eisenbahn spielen „Lisbeth“ und ich muss an Von wegen Lisbeth denken, die ich vor einigen Wochen auch im Gleis hab spielen sehen. Da flog Konfetti, hier schimmert alles irgendwann in goldenem Licht und die Musik leuchtet genauso wie die Scheinwerfer. Auch jetzt ist die Menge in Bewegung und die Musik berührt, auch die Zombies.

Das Konzert geht lang, ich werde müde, aber auf der anschließenden Halloween-Party tauche ich zufrieden und verliebt auf – bis über beide Mundwinkel.

Zarah

Ich mache gerne viel und Vieles gern. Angeln gehört nicht dazu, aber Tanzen!

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