Jimmy Eat World im Ampere in München – [Live]

Die Welt war noch eine andere, als Jimmy Eat World ihr bislang erfolgreichstes Album veröffentlichten. „Bleed American“ erschien keine zwei Monate vor dem 11. September 2001, dem wohl einschneidendsten Datum der jüngeren westlichen Kulturgeschichte. Nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten wurde die Platte stapelweise aus den Verkaufsregalen entfernt, unter unverfänglicherem Namen neugepresst und trotzdem aus übergroßer Rücksichtnahme auf das amerikanische Anstandsgefühl von allen großen Radiosendern verschmäht.

„Bleed American“ steht damit in der unglücklichen Tradition anderer, unschuldiger Werke, die im unmittelbaren pre-9/11-Zeitraum erschienen, wie „NYC’s like a Graveyard“ von den Moldy Peaches oder der großartige Strokes-Song „New York City Cops“.

Heute, fünfzehn Jahre später, kommen die größten Hits von Jimmy Eat World, „The Middle“, „Hear You Me“ oder eben „Bleed American“ tatsächlich daher wie Relikte einer vergangenen, auf tragische Weise überholten Zeit. Doch ausverkaufte und umjubelte Konzerte, wie jetzt gerade im Münchner Ampere, sprechen eine differenziertere Sprache. 

Wir schreiben das Jahr 2016: den USA drohen angesichts der nahenden Präsidentschaftswahlen erneut eine existenzielle Vollkatastrophe und die großen Alternative-College-Pop-Punkbands der späten Neunziger erfahren – kann das ein Zufall sein? – eine unerwartete Renaissance. Bands, deren Frontmänner wohlgemerkt alle stracks auf die fünfzig zugehen. Blink-182 schrammeln sich mit „California“ auf Platz 1 der amerikanischen Album-Charts, Green Day hauen eine vielgefeierte Comeback-Single auf den Markt und dann sind da eben noch Jimmy Eat World, die ihre neunte Platte „Integrity Blues“ im Herbst mit einer groß angelegten USA- und Europa-Tour begehen und dieser flugs noch eine exklusive Club-Konzertreihe voranstellen.

Im Zuge dieser Tour besuchte die Band am vergangenen Dienstag nun also auch München, wo sie von treuen und textsicheren Fans willkommen geheißen wurde, die die paar Meter vom aufgeheizten Isarstrand ins Ampere hinübergeschwappt waren. Jimmy Eat World belohnten ihre treuen Zuhörer mit einem (über weite Strecken) energischen 19-Song-Set, dessen meiste Titel tatsächlich aus dem Jahr 2001 stammten. Frontmann Jim Adkins bewies sich als routiniertes Bühnentier, das den kleinen Club bespielte, als sei dieser eine ausgewachsenes Fußballstadion. Bei aller Freude: die drei neuen Songs, die er und seine Kollegen spielten (darunter die aktuelle Single „Sure and Certain“), ließen erahnen dass von der Band aus Arizona nach dreiundzwanzig Jahren keine bahnbrechenden musikalischen Neuigkeiten mehr zu erwarten sind.

Aber was soll’s. Songs wie „Big Casino“, „A Praise Chorus“ oder „My Best Theory“ entpuppten sich als immer noch äußerst tanzbar. Es wurde gepogt, gebrüllt – die Fangemeinde schien (zurecht) glücklich und dabei sollte dieses Konzert doch nur ein Vorbote der eigentlichen Tour sein, die die Band im November unter anderem nach Hamburg und Stuttgart führen wird.

Ganz verleugnen ließ sich eine Sehnsucht nach sichereren und weniger komplexen Zeiten bei diesem Konzert trotz allen Spaßes nicht. „Everything, everything will be just fine“ lautet schließlich auch der Mitgröhl-Refrain des Markenzeichen-Hits „The Middle“. Und was soll’s. Das ist ja auch ein guter Song.

Das Video zur neuen Single „Sure And Certain“:

Lasse

Lasse studiert Literaturwissenschaft. Und liest. Und hört Musik.

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