Glass Animals – How To Be A Human Being [Album-Review]

Bevor man sich „How To Be A Human Being“, das neue Album der Glass Animals anhört, möge man sich doch bitte noch einmal die tragische Geschichte von Karen Carpenter, der Sängerin und Drummerin der Carpenters, vor Augen führen, sagt Frontmann Dave Bayley. Denn auch um sie soll es auf der Platte irgendwie und bruchstückhaft gehen.

Also gut: Karen Carpenter avancierte gemeinsam mit ihrem Bruder Richard ab Ender der 1960er-Jahre zu einem der größten musikalischen Stars des anständigen Amerikas. Mit seichten Balladen wie „Close to You“ oder „Top of the World“ wurde sie zur braven Ikone all derer, die den Sex, die Drugs und den Rock ’n‘ Roll ablehnten, den ihre Altersgenossen anderswo zelebrierten. Doch hinter der Fassade verbarg sich eine traurige Geschichte: Psychische Probleme führten zu gravierenden Essstörungen, Carpenter wog Anfang der Achtziger bloß noch 36 Kilogramm und starb kurze Zeit später als erster Popstar überhaupt einen öffentlichen, tragischen Tod an Magersucht.

Um Menschen wie sie dreht sich das fantastisch ausgeklügelte Konzeptalbum „How To Be A Human Being“. Jeder Song auf dem Album erzählt die Geschichte einer Figur und wirft für durchschnittlich vier Minuten ein Schlaglicht auf ein jeweils neues Schicksal.glass animals how to be a human being_album artworkDie Idee dahinter ist so bekloppt wie genial: Auf Reisen lernte Glass-Animal-Leader Dave Bayley Menschen kennen, deren Geschichten und Anekdoten er auf seinem Handy mitschnitt, später poetisch verdichtete und schließlich in ein musikalisches Gewand kleidete.

Doch nicht genug: Als die kleinen short-story-ähnlichen Songs fertig waren, casteten die Glass Animals Schauspieler für jeden der Charaktere und ließen sie für verschiedene Varianten des Albumcovers posieren. In Dave Bayleys nerdigem Hipsterkopf hat jede Figur eine ausformulierte Psychologie – zweien von ihnen hat er mit „raygun123.com“ und „dizzyoncaffeine.com“ eine eigene Homepage eingerichtet.

„How To Be A Human Being“ ist ein Album, das von musikalischem Einfallsreichtum strotzt. Eines, das wilder und rauher sein will als sein Vorgänger „Zaba“. Eines, das so komplex ist, das man zwischendurch verschnaufen will. Die intertextuellen Bezüge machen weder vor James Bond, noch vor Comics halt und wie aus dem Nichts tauchen mit Billy Pilgrim und Oskar Schell plötzlich zwei Helden der postmodernen amerikanischen Literatur auf, was wiederum eine Anspielung auf… ach! Es ist ein komplexes Geflecht, dieses Album und das ist es, was es musikalisch so schwer greifbar macht. Die Glass Animals um Dave Bayley haben im Vorfeld einen gewaltigen Bewusstseinsstrom angekündigt und treffen es damit auf den Punkt.

Und wie so ein echter Bewusstseinsstrom hat auch das Album dort seine stärksten Momente, wo es sich verschachtelt, selber nicht auflöst, seinen Zuhörer in einen Sog zieht und eine Faszination ausübt, die mit dem Verstand nur schwer fassbar ist. Den Glass Animals gelingt dieses Kunststück mit düsteren Tracks wie „Pork Soda“, „Take A Slice“ oder dem wunderbaren „Mama’s Gun“, dem eine fies-hypnotische Klarinettenstimme aus einem alten Karen-Carpenter-Song als Grundstein dient. In „Poplar Street“ schlüpft Dave Bayley lässig in die Rolle eines Jungen, der von einer Nachbarsfrau verführt wird, in „The Other Side of Paradise“ in die einer verlassenen Ehefrau. Und wie großartig: er bellt dazu rhythmisch.

Schwierig wird so ein Bewusstseinsstrom aber dann, wenn er droht, nichtssagend vor sich her zu laufen („Season 2 Episode 3“) oder so gar keine Anknüpfungspunkte mehr bieten will („Cane Shuga“). Auch diese Momente gibt es auf dem Album.

Es verhält sich mit den Songs am Ende tatsächlich wie mit den Menschen, denen man auf Reisen begegnet und die man unmöglich ALLE in sein Herz schließen kann. Aufregend sind diese Begegnungen jedoch allemal.

Lasse

Lasse studiert Literaturwissenschaft. Und liest. Und hört Musik.

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