Twin River – Passing Shade [Album-Review]

Das Offensichtliche langweilt in der Regel. Ist ein Gedanke schon bei ersten Hören mühelos in bestehende Schubladen im Kopf feinsäuberlich einsortiert, dann bleibt er im schlimmsten Falle für immer dort. Kann sich höchstens mit Mühe bei einem einschneidenden Ereignis aus seinem molligen Plätzchen kämpfen und eine neue Perspektive auf sich selbst erzeugen. Was für Gedanken gilt, gilt ebenso für Musik. Ist sie zu einfach, dann begeistert sie zwar kurz, aber verschwindet dann schnell in dunklen und staubigen Ecken unseres Unterbewusstseins und fristet dort ihr Dasein. Außer natürlich sie schafft es kurz vor’m Schließen der Schublade durch etwas Unerwartetes zu glänzen. Passing Shade von Twin River war schon fast wieder aus meinem bewussten System raus, als es plötzlich genau das tat.Twin River_PassingShade_Album coverHört man die ersten Sekunden, oder eigentlich eher die ersten zwei Minuten des zweiten Albums der Vancouver Band, bekommt man schnell einen falschen Eindruck: Shoegaze. Groß, im richtigen, zurückhaltenden Maß treibend und mit schönem, klaren Gesang. Astreiner Indie-Pop. Schön, aber auf Dauer eher uninteressant. Gedanken, die man über die ersten zwei Songs, beim Schauen aus dem Fenster fast unweigerlich im Kopf hat und abwägt, die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen und Passing Shade “erstmal” zur Seite zu legen. Ein Plan, den Twin River in den nächsten Songs Knife und Baby als großen Fehler enttarnen. Denn plötzlich strömt da immer mehr Dreck durch die Kabel. Die Gitarren werden lauter und weniger klar. Sogar die Stimme von Sängerin Courtney Ewan knistert kurz ein wenig im Abgang nur. So einfacher Indie-Pop ist Passing Shade dann also doch nicht. Eher ein bisschen Wolf im Schafspelz. Shoegaze aus der Garage.

Wahrscheinlich ein natürliches Resultat aus den äußeren Umständen der Band. Courtney Ewan schreibt die Songs fast ausschließlich auf der Akustikgitarre – in Montreal – während Kopf Nummer Zwei von Twin River, Andy Bishop, fast 4000 Kilometer entfernt auf der E-Gitarre an Riffs tüftelt. Wenn dieser Kontrast dann auch noch einmal im Sommer und einmal im Winter zusammentrifft, um ein Album aufzunehmen, dann ist klar, wieso Passing Shade klingt, wie es klingt: Es ist sicher eingängig, mag sein. Bestimmt auch oberflächlich nicht besonders anspruchsvoll. Aber auch ganz sicher nicht langweilig, sondern vielschichtig und manchmal unerwartet. Schade nur, dass das vielen wohl nicht auffallen wird. Ist wahrscheinlich nicht offensichtlich genug.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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