Leyya auf dem Lunatic – [Interview]

Das Lunatic Festival liegt immer weiter in der Vergangenheit, deswegen wollen wir euch auch das zweite Interview, das wir in Lüneburg führen konnten, nicht vorenthalten. Fast eine Stunde habe ich mit Leyya geplaudert. Eine Stunde, in der wir über ihre Live-Auftritte, die Special-Edition ihres Albums Spanish Disco und die Vorzüge der englischen Sprache beim Texten gesprochen haben.


Ihr habt heute wieder als Duo und nicht mit eurem Band-Set gespielt. Seid ihr zur Zeit wieder generell zu zweit unterwegs?

Sophie: Ne, eigentlich spielen wir Festivals immer als Band – oder sagen wir: Meistens mit Band. Aber als Duo ist es nicht unbedingt schlechter. Es ist anders. Es ist elektronischer.

Marco: Das Duo-Set ist immer ein Kompromiss. Mit Band haben wir keinen Laptop auf der Bühne und wenn du dann einen Laptop auf der Bühne hast, dann bist du tempogebunden. Das merkt man wahrscheinlich.

Also spielt ihr lieber in voller Besetzung?

Sophie: Ja, das macht einfach mehr Spaß. Es hat einfach viel mehr Energie, wenn noch zwei andere Typen hinten sind und auf ihre Instrumente eindreschen. Es war auch immer unser Ziel, dass wir unsere Musik live ohne Laptop und Backing-Track schaffen, damit wir ausbrechen können und nie an irgendwas gebunden sind.

Inwieweit spielt das dann auch schon beim Produzieren eine Rolle? Überlegt ihr euch schon beim Schreiben, wie ihr die Songs später auf der Bühne umsetzen könnt?

Marco: Ne, in erster Linie geht es immer erstmal darum, dass der Song für sich funktioniert und dabei denken wir dann nicht drüber nach, wie wir das später umsetzen werden. Denn wenn ich schon beim Schreiben daran denke, dass die Umsetzung vielleicht zu kompliziert wird, dann kann es natürlich passieren, dass der Song drunter leidet.

Sophie: Also wir haben einige Songs im Band-Set, die dann einfach ein bisschen anders klingen, aber die Essenz bleibt trotzdem immer. Also ich habe ja trotzdem meinen Sampler und wir versuchen alles was geht noch mit reinzupacken.

Marco: Man muss dann einfach entscheiden, was maßgeblich für den Song ist. Und das werden wir dann auf den Sampler oder das Drum-Pad geben, damit der Sound da stimmt. Und alles andere wird mehr oder weniger intuitiv imitiert.

Sophie: Aber so funktioniert doch auch ein Live-Konzert. Die Songs, die man auf Platte schon kennt, kann man dann live einfach nochmal ein wenig anders hören. Es ist dynamischer und ab und zu ein wenig rockiger.

Marco: Und so viel Dynamik kannst du auf CD nicht machen. Wenn du das im Auto oder Radio hörst, dann würdest du wahrscheinlich dauernd am Volume-Regler hin und her drehen.

Aber auch das Duo-Set ist ja schon rockiger. Auf der Bühne spielst du schließlich Gitarre, von der man auf Spanish Disco nichts hören kann.

Marco: Ja, das Songwriting machen wir zwar ab und zu auf der Gitarre, aber der Leyya Sound ist für mich einfach eher etwas, das ich von Anfang an mit einem Synthesizer umgesetzt hab. Und das hat sich einfach etabliert. Ab und zu ist es zwar eine Gitarre, aber die ist dann so verfremdet, dass man nicht mehr hört, dass es eine Gitarre ist. Aber auch auf der Bühne bin ich ja kein Gitarristen-Gitarrist, sondern spiele die Gitarre live, damit das abgedeckt ist.

Sophie: Er fühlt sich auch einfach wohler mit Gitarre. Wir haben auch schon mal überlegt, ob er nicht einfach Synth spielen soll, aber es fühlt sich einfach auch viel echter und organischer an, wenn da noch jemand mit einer Bassgitarre, oder einer Gitarre steht.

Marco: Außerdem ist es auch angenehm zu spielen. Wenn du eine Taste drückst und es kommt ein Sound aus den Speakern, dann ist das viel indirekter als wenn du es auf der Gitarre spielst und das auch spürst.

Wenn du eben schon über das Radio gesprochen hast: Auf eurem Album “Spanish Disco” sind die Songs nicht besonders eingängig – außer “Superego” und die neue Singel “Butter”. Inwiefern habt ihr euch da überlegt, dass ihr Songs braucht mit denen ihr die Leute live und im Radio kriegt?

Marco: Also wir haben uns nie gedacht: “Komm jetzt machen wir einen Song der ins Ohr geht!” Ich stehe drauf, wenn Songs beim ersten Hören noch nicht so richtig funktionieren und ihre Zeit brauchen, bis man sie hat. Umso länger währt das auch. Im Gegensatz zu Songs, die gleich ins Ohr gehen, wo ich dann beim zweiten, dritten Mal jede Facette gehört hab. Ursprünglich war “Superego” auch eher ein Witz. Es hat ja im Refrain diese Blue-Note drin – etwas, was wir eigentlich absolut nicht machen.

Sophie: Er meinte dann, dass ich das mal so singen sollte und dann haben wir wirklich überlegt, ob wir das so bringen können und, ob das zu uns passt. Und dann haben wir gesagt: Warum nicht? Das Album ist eh sehr ruhig und man kann doch mal einen Aufheller reinpacken. Das war bei “Butter” ähnlich. Also natürlich wussten wir, dass die Leute wieder etwas erwarten und das “Superego” unser Hit war.

Marco: Die Idee des Albums war ja auch eigentlich, dass es ruhig und melancholisch sein soll. Zu der Zeit in Wien hat jeder angefangen elektronische Musik zu machen und es war immer so relativ House-orientiert und meistens auch ein Frauengesang. Es war sehr tanzbare Musik und wir hören beide sehr ruhige Musik und dann haben wir eigentlich automatisch unsere Musik gemacht.

Generell eine interessante Frage, wo die düstere Stimmung auf eurem Album herkommt.

Sophie: Ich war schon immer sehr fasziniert davon und mir hat so Musik einfach immer ein bisschen besser gefallen, warum auch immer. Die hat mich immer viel mehr berührt. Und lustigerweise sind die ganz ruhigen Songs, die wir gemacht haben auch immer eher von mir ausgegangen, weil das einfach am besten aus mir rauskommt. Ich finde es unglaublich schwer, fröhliche Nummern zu schreiben.

Marco: Ich glaube aber nicht, dass wir überhaupt fröhliche Nummer haben.

Sophie: Also für mich ist “Superego” fröhlich!

Habt ihr denn eine Lieblingsnummer auf dem Album? Ist es unbedingt Superego?

Marco: Es gibt immer diese Bands, die bei Interviews sagen, dass sie ihren erfolgreichsten Song irgendwie scheiße finden. Zum Beispiel Radiohead mit Creep – da sprechen die überhaupt nicht gern drüber. Aber ich denke, ich stehe zu dem Song. Aber ich wüsste jetzt nicht was ich sagen sollte, wenn ich einen Song auswählen müsste. Das wäre schwierig.

Sophie: Und ich mag ihn live sehr gern, weil die Leute dann immer tanzen – genauso wie “Butter”. Das Album an sich ist aber eigentlich ein großes Ganzes. Wir haben Intros, diese Zwischendinger. Es ist diese große Box von Songs und ich kann da nichts wirklich raus picken.Leyya_Butter_CoverWas interessant ist, weil ihr das Album jetzt nochmal als Special-Edition veröffentlicht habt, auf der auch die neue Single “Butter” und einige Remixe sind. Wie passt das zusammen?

Marco: Natürlich ist das von der Plattenfirma ausgegangen, weil Spanish Disco bisher nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz veröffentlich war und wir es jetzt weltweit veröffentlichen wollten und wir hätten nicht das selbe nochmal releasen können. Dann hat es als Kompromiss gegeben, dass wir das Album so lassen wie es ist und danach kommen dann noch Bonustracks. So war das für uns ok, weil das Album noch erhalten ist. Wenn die dazwischen irgendwo reingestöpselt worden wären, wäre das für mich nicht gegangen.

Sophie: Es wird so auch nicht gepresst. Es gibt immer – Vinyl oder CD – immer nur original Spanish Disco und “Butter” und “Worthy” gibt es dann immer als 7” dazu, wenn du es willst. Das war uns auch wichtig, aber es ist irgendwie notwendig, da es nie weltweit released wurde und England und so mit Radiosachen aufgesprungen ist.

Habt ihr “Butter” speziell für diesen Anlass geschrieben, oder ist der Song schon älter? Er hat ja definitiv einen anderen Sound.

Marco: Den haben wir Anfang des Jahres geschrieben. Ich glaube er ist von der Sound-Ästhetik ein bisschen anders. Als wir das Album geschrieben haben, haben wir sehr darauf gestanden, wenn alles ein wenig verhallt und inkonkret ist und nicht unbedingt so “in your face” und “Wir müssen im Radio laufen!”. Jetzt haben wir doch teils Elemente, die sehr konkret sind. Wo wir uns gedacht haben, dass das Schlagzeug einfach trocken und so laut sein kann – das geht schon. Ich finde es sehr kontrastreich zum Album.

Sophie: Es war mir auch wichtig, dass wir nicht wieder das selbe machen. Ich will die Leute irgendwie mitnehmen können, aber trotzdem was neues machen und nicht wieder die alte Leier.

Auf mich wirkte es insgesamt auch einfach lockerer und lässiger in der Machart. Gerade der Kontrast zwischen dem neuen Video und dem leicht verstörenden von “Superego”. 

Marco: Irgendwie war auch der Moment erreicht, an dem wir gedacht haben, dass wir – wenn wir weiterhin so Musik machen – wir uns nicht mehr ernst nehmen können, weil wir uns eben so ernst nehmen. Wir haben gedacht, irgendwie müssen wir jetzt mal was machen, was ein bisschen auflockert. Wo man auch mal sagen kann: “Das ist so lächerlich! So ein orangenes Auto, das um ‘nen Typen rumdriftet. Das ist doch Quatsch.” Und der Song heißt “Butter” und man glaubt, es sei eine Metapher für irgendwas und dann sieht man einfach Butter.

Dann schließt sich jetzt natürlich die Frage an, ob ihr bewusst an noch mehr neuem Material arbeitet.

Marco: Ja, da sind wir eigentlich gerade dabei. Es wird so in die Richtung von “Butter” gehen.

Sophie: Wir spielen so viel, da ist das extrem stressig. Aber die letzten paar Wochen hatten wir mal wieder kurz Zeit und haben so Drafts und Ideen gemacht – vor allem Marco. Im Juni und im Juli werden wir dann mal ein wenig intensiver dran arbeiten.

Marco: Wir brauchen auch immer etwas Zeit. Wenn wir etwas fertig gemacht haben, müssen wir das dann erstmal zur Seite legen und drüber nachdenken, weil wir immer sehr euphorisch sind, wenn wir gerade etwas fertig gemacht haben. Und da muss man aufpassen, weil die Euphorie kann da selbst das Haxel legen (Bein stellen – Anm. d. Red.) ein bisschen. Man muss die Realität sehen und das geht am besten, wenn man mal ein bisschen Zeit vergehen lässt.

Aber freut ihr euch drauf, wieder ins Studio gehen zu können?

Marco: Der Grund weshalb ich das mache, war eigentlich das Songschreiben. Am liebsten machen wir einfach Musik, irgendwo wo uns keiner stört. Wenn man einfach sieht, da kommt was zustande und das ist cool. Das ist weswegen ich Musik mache. Wenn wir dann live spielen und den Leuten gefällt es, dann ist das natürlich ein genauso cooles Gefühl, aber das ist erst mit der Zeit gekommen. Am Anfang haben wir sogar überlegt, ob das überhaupt Sinn macht, wenn wir das live spielen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass das Produzieren unsere Stärke ist. Unser Ziel ist es einfach immer Popsongs zu schreiben, die sehr viele Ebenen haben.

Sophie: Es ist nicht oberflächlich. Das war uns immer sehr wichtig. Wenn jemand auf den Text hören will, dann kann er sich da auch was rausziehen und es sind nicht nur Floskeln. Kein Bla Bla.

Im Moment ist deutschsprachige Musik ja wieder sehr im Kommen. Du, Sophie, hast mal in einem Interview gesagt, dass du dir gar nicht vorstellen kannst, auf Deutsch zu schreiben. Wieso?

Sophie: Ich glaube mir ist das einfach zu direkt. Vielleicht weil es meine Muttersprache ist. Also ich frag mich sehr sehr oft, wie das bei Engländern oder Amerikanern ist, die ganz derbe Sachen schreiben und die dann in einem Popsong funktionieren. Wo ich, wenn ich es im Radio höre, denke: “Bist du deppert?” Dinge, die ich in meinen Texten schreibe, sind für mich sehr persönlich und irgendwie kann ich das im Englischen viel besser verpacken und verzieren, so dass es nicht so direkt zu mir gehört. Das klappt im Deutschen einfach nicht. Außerdem wahrscheinlich, weil ich es nicht so schön singen könnte, weil es sehr eckig ist. Es kann funktionieren, wie zum Beispiel bei Bilderbuch. Die benutzen das als Instrument eigentlich. Aber es würde bei unserer Musik nicht klappen.

Marco: Unsere Musik ist ja auch einfach nicht so plakativ.

Sophie: Ich habe aber auch nie wirklich deutsche Musik gehört. Eben auch, weil es sehr schnell kitschig wird. Und so habe ich einfach immer auf Englisch geschrieben und später gar nicht mehr drüber nachgedacht.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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