Isolation Berlin – [Interview]

Letzte Woche haben Isolation Berlin im Lagerhaus in Bremen gespielt. Bevor die Jungs aber auf die Bühne gegangen sind, haben wir uns mit ihnen auf eine Parkbank um die Ecke gesetzt und über den Echo, AnnenMayKantereit und das deutsche Musikbusiness geredet.

Wie ist die Tour bis jetzt? Ihr seid ja schon 1 1/2 Wochen unterwegs.

Max Bauer: Zwei Wochen.

Tobias Bamborschke: Ja, ist gut. Anstrengend, aber gut.

M: Meistens ausverkauft

Ihr wart ja für den Kritikerpreis beim Echo nominiert. Wart ihr da?

T: Ne, wir haben gespielt. Wir waren an dem Abend gerade in Coburg.

M: Wir wären aber auch nicht hingegangen.

T: Der Kritikerpreis ist ja auch kein richtiger Echo. Der wird ja nicht mal in der großen Halle verliehen, sondern ist aus der Veranstaltung komplett ausgekoppelt und wird in irgendeiner Turnhalle nebenan verliehen. Außerdem muss man auch noch Geld zahlen – paar hundert Euro – nur damit du da drin sitzen darfst und das hält ja kein Schwein aus, den Schrott. Du musst dir das dann ja tatsächlich alles geben: Wie Helene Fischer singt und sowas. Hältst du ja keine Sekunde aus! Ehrlich gesagt weiß ich aber gar nicht so genau, was in der Turnhalle passiert.

Zweiter Klasse Echo.

M: Ja, so ein bisschen. Aber den hat ja auch Joris gewonnen – den Kritikerpreis. Da ist es doch sowieso schon fragwürdig nach welchem Gusto da entschieden wird.

Scheint euch also nicht zu stören bei einem Kritikerpreis von jemandem wie Joris ausgestochen zu werden.

T: Um Gottes willen. Wer den Echo ernst nimmt, der hat doch schon verloren.

Aber wo wir schon bei Kritiken sind. Es hieß ja teilweise AnnenMayKantereit seien die Revolverheldversion von Isolation Berlin.

T: Ja, was soll ich dazu sagen. Ist halt Schwachsinn, ne? Ich verstehe den Vergleich natürlich. Aber ehrlich gesagt fällt mir nichts dazu ein. Solche Vergleiche sind immer schwierig.

M: Und in dem Fall halt auch wirklich weit hergeholt.

T: Wahrscheinlich wollten sie einfach damit sagen: Beide Bands benutzen ähnliche Instrumente, aber die eine Band ist halt kitschig und irrelevant und die andere Band ist ernstzunehmend.

Aber es ist ja so, dass ihr nach dem vielfachen Zerreißen vom Debüt der drei Kölner für viele die nächsten Anwärter zur Rettung der deutschsprachigen Musik seid.

M: Ja, aber das ist wirklich kompletter Quatsch. Ich hab das Gefühl, dass wir da jetzt irgendeine Lücke füllen sollen, die AnnenMayKantereit aus irgendeinem Grund wohl nicht füllen konnten. Aber wir machen was völlig unterschiedliches. Und nur weil irgendwelche Presseleute uns irgendwo im selben Artikel erwähnt haben, greifen das jetzt alle auf. Uns mit AnnenMayKantereit irgendwie in Verbindung zu bringen ist aus meiner Sicht totaler Humbug.

T: Generell finde ich auch dieses idealistische total schwierig. „Ohh, sie sind auf einem Major-Label“, „Oh sie singen solche Texte, warum machen sie das?“ Ich verstehe diese ganzen Diskussionen nicht. Entweder man findet eine Musik gut oder halt nicht. Und wenn man Musik scheiße findet, dann hört man sie sich einfach nicht an. Ich verstehe nicht, warum sich Leute so damit auseinandersetzen, wenn sie es scheiße finden. Finde ich unnötig. Wenn ich keine Zwiebeln mag, dann esse ich einfach keine Zwiebeln, aber ich renne nicht durch die Burgerläden und sage: „Ihr seid Arschlöcher, weil ihr Zwiebeln verkauft!“

M: Gerade AnnenMayKantereit ist ja jetzt auch nicht die Band, die irgendeine Haltung vertritt oder besonders Indie wäre, oder irgendwas. Also von Anfang an nicht. Daher wundert es mich auch nicht, dass sie auf einem Major gelandet sind.

Inwiefern nicht Indie? Das Crowdfunding der EP hatte ja schon einen deutlichen Indie-Approach.

M: Ich finde nicht, dass das ein Indie-Approach ist. Sie haben einfach als kleine Band angefangen und haben YouTube als Plattform genutzt. So wie es jetzt alle Bands machen, aber das ist ja nicht direkt ein Indie-Ansatz.

Wenn wir schon über Presseleute gesprochen haben: Habt ihr Angst, dass ihr die nächsten seid auf denen von den Kritikern rumgehackt wird, wenn sich euer Erfolgstrend so fortsetzt wie bisher?

T: Ne, nicht wirklich Angst. Es ist eben so: Umso größer man wird, desto mehr wollen die Leute einen stürzen sehen. Das war schon immer so. Den Bettler will man groß sehen und den König wollen alle stürzen. Eine absolut natürliche Reaktion – vor allem im Pressebereich. Die Leute wollen einfach Schlagzeilen. Erst heißt es: „Keiner kennt sie – der Geheimtipp!“ Und dann sind alle gespannt auf das neue Album. Da kannst du natürlich nicht schreiben: „Es ist, wie wir erwartet haben, ein tolles Album geworden“ Da klickt keiner drauf. Aber wenn du schreibst, es sei der größte Scheiß, dann klicken alle drauf. Die meisten tun eben alles für Reichweite und schleifen die ganzen Bands durch die Manege. Erst schön auf den Goldsockel und danach zertrümmern sie die Statue.

Ihr habt genickt, als ich das neue Material angesprochen habe. Ist da schon was in Planung?

T: Naja, wir schreiben die ganze Zeit, eigentlich. Und wenn der Sack voll ist, dann wird er ausgeleert. So haben wir immer gearbeitet. Wir schreiben und wenn genug Songs da sind, dann machen wir eine Platte.

M: Aber wir haben keinen festen Termin. Wir touren ja jetzt auch erstmal das ganze Jahr über.

Merkt ihr beim Entstehen neuer Songs, dass durch den Erfolg die Themen der Depression und Melancholie, die bisher sehr präsent waren, ein wenig in den Hintergrund rücken?

T: Alles ändert sich. Jede Platte hat neue Geschichten gebracht und wenn sich das Leben ändert, ändern sich auch die Songs. Aber ich habe auch ganz viele alte Sachen, die ich noch erzählen will und die ich in mir wachsen spüre. Bisher sind es ja auch alles Songs aus den verschiedensten Jahren. Es ist schließlich auch immer ein Auf und Ab und extreme Situationen sind es einfach, die mich inspirieren. Aber man muss auch immer zwischen dem lyrischen Ich und Tobias Bamborschke unterscheiden. In meine Songs fließen auch immer ganz viele Geschichten von anderen Menschen ein, die mich berühren.


Ganz anderes Thema: Ihr habt mal erzählt, dass ihr für eine Werbung von Backfactory angefragt wurdet. Mit welchem Song?

T: (lacht) Ja, Backfactory-Girl. Den wollten sie uns abkaufen, aber das wollten wir nicht. Das war ja auch noch mit unserem alten Drummer, da gibt’s ‘nen Video auf YouTube – eher so ein Witz. Wir spielen es aber immer noch live. Gestern zum Beispiel.

M: Die haben uns angeboten, dass wir 1000 Euro bekommen, sie dafür alle Rechte und wir dürfen auf Filialeröffnungen spielen.

T: Kein verlockendes Angebot für uns. Aber Werbedeals machen wir sowieso nicht. Generell.

Findet ihr denn, dass Musik ab einer bestimmten Reichweite eine Haltung zu größeren Themen annehmen muss?

T: Ne, auf keinen Fall! Das ist ja das schöne an der Kunst: Sie muss erstmal gar nichts. Kunst ist Freiheit. Sie hat viel mit Inspiration, Gefühl und Intuition zu tun. Einfach mit Loslassen. Und wenn man dann an „muss“ denkt, dann versperrt man sich die Kunst. Man darf niemals an müssen denken, wenn man künstlerisch tätig ist.

Ihr seht also keine Pflicht als Vorbild?

T: Das ist der größte Schwachsinn. Auch dieses: „Ein Künstler muss kritisch sein, ein Künstler muss politisch sein.“ Ein Künstler muss erstmal seiner Inspiration folgen und nachspüren was ihn ihm entsteht. Das ist das einzige was er tun muss. Man erwartet ja auch nicht von Politikern, dass sie tolle Popsongs schreiben. Ich geh’ doch auch nicht zum Bäcker und sag: “Wieso verkaufst du hier keine Würstchen?“

Ich spreche aber auch nicht nur von politischer Haltung, sondern auch einer allgemeinen Vorbildfunktion in gewissen Bereichen. Wanda zum Beispiel wird ja immer wieder ihr Eskapismus mit Alkohol vorgeworfen.

T: Die Leute verwechseln auch immer die Kunst mit den Persönlichkeiten. Natürlich hängt das viel zusammen, aber ich glaube die Kunst war schon immer wichtig um Leute zum Denken anzuregen und dazu kannst du machen was du willst. Und wenn jemand brüllen will, dass Schnaps geil ist, dann soll er das machen. Ich finde, dass die Kunst ein Schutzraum sein sollte, in dem man alles machen darf. Es sei denn es wird Hass geschürt – Nationalstolz oder sowas finde ich schon fragwürdig.

Aber nach der Aussage, dass Kunst alles dürfen muss; kann man sowas überhaupt verurteilen?

T: Ich finde tatsächlich auch da nicht, dass man es verbieten sollte.

M: In der Kritik darf man aber ja genauso frei sein. Aber in dem Sinne stimmt es schon mit der Vorbildfunktion. Dass man zum Nachdenken anregen sollte, aber eben nicht in bestimmtem Gedankengut.

T: Ja, vielleicht kann man generell sagen, dass man Fragen stellen darf aber keinen Hass schüren. Wie auch immer. Jegliche Form des Hasses und der Hetzte sollte einfach vermieden werden.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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