Lail Arad – The Onion [Album-Review]

Ach, wenn das Essen meiner Mutter nicht so lecker wäre, wenn das Smartphone einfach mal einen Tag ruhig wäre, wenn Josh Homme die Arctic Monkeys nicht produziert hätte und wenn du mich geküsst hättest, dann – und nur dann – wäre die Welt wahrscheinlich ein bisschen weniger scheiße! Das wussten Kraftklub schon vor Jahren und Lail Arad scheint es spätestens jetzt auch zu tun und widmet diesem Wissen prompt einen Großteil ihres zweiten, am Freitag erscheinenden Albums The Onion! Nur dass die Londoner Singer-/Songwriterin im Kontrast zu den Jungs aus Chemnitz nicht auf die immer gleiche harte, schnelle Indie-Musik, sondern wohl dosierten Jazz-Pop setzt, um ihre Gedanken zur Rettung der Welt kund zu tun.LailArad_The onion Album Cover

„We quitting jobs and going back to school. We learning skills and sharpening our tools. Let’s toasts the overqualified”

Dabei ist The Onion sowohl textlich als auch musikalisch ein tief schizophrenes Album geworden. Selten hat ein Artwork so sehr widergespiegelt, was sich in den Rillen der Platte hinter dem Cover verbirgt. Es scheint, als wisse Lail Arad nicht ganz, wer sie in diesen elf Songs sein möchte: Die völlig von Melancholie eingenommene Jazzsängerin, die der vergangenen Liebe und dem dazugehörigen Fahrrad nachtrauert und sich nach Nähe sehnend zu Hause ohne Handy einschließen mag oder doch die im Kontext verblüffend rotzige Göre, die alles ein kleines bisschen besser weiß als ihre Umwelt und keinen noch so durchdachten Lebensentwurf unkommentiert im Raum stehen lassen kann. Außer natürlich die Work-Life-Balance-Waage kippte deutlich Richtung Leben. Dann ließe sie eventuell mit sich reden.

„Wish I was more Rock’n’Roll or had more national pride. I should drink more alcohol and have less self control sometimes!”

Zum Glück tut sie das aber nicht, denn The Onion braucht die patzigen Ausreißer in Richtung ungeschminkten Rock’n’Roll! Sie sind es, die das sonst unauffällige Album vor’m unbemerkten Versinken in der großen trüben Melancholie-Pop-Suppe bewahren! Denn gerade in den Momenten, in denen Lail Arad unverblümt und etwas naiv die Mutter ihres neuen Lovers als „protective“ beleidigt oder Frauen augenzwinkernd damit tröstet, im Notfall einfach einen reichen Typen heiraten zu können, schafft sie etwas eigenes, statt es sich – wie so viele andere – bequem zu machen und einfach die Genregrößen ihrer Kindheit zu zitieren. Wieder und wieder und wieder.

Lail Arad – Tourdaten:

  • 20.05.2016 Köln – Yuca
  • 21.05.2016 Berlin – Privatclub
Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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