Wray – Hypatia [Review]

Popmusik ist schon immer eine Gratwanderung. Jeder Song ein erneuter Balanceakt zwischen der dauernden Repetition simpel zu verstehender Phrasen und der richtigen Menge Originalität und Avantgardismus, die ihn eben nicht nur zu einem kurzweiligen Ohrwurm, sondern einem steten Begleiter werden lässt, den man auch nach Jahren noch gerne ab und zu aus dem Regal kramt. Diesen Freitag veröffentlichen Wray ihr zweites Studioalbum Hypatia bei Communicating Vessels und tänzeln darauf, wie auch schon auf ihrem Debüt, mit einer beeindruckenden Leichtigkeit auf eben jenem schmalen Grat zwischen einlullender Langeweile und versteckter Spontanität.WRAY_Hypatia_coverDas Konzept von Strophe und Refrain scheint sich für die drei Musiker aus Birmingham, Alabama jedenfalls überholt zu haben. Statt einer einfachen und klaren dramaturgischen Aufteilung zwischen Inhalt und Emotionen und dem daraus fast selbstverständlich entstehenden Spannungsbogen, kombinieren Wray beides einfach auf voller Länge. Liegt Hypatia einmal auf dem Plattenteller ist der nächste echte Moment zum Verschnaufen jedenfalls erst nach dem Ende vom letzten Song Mounts Minding erreicht. Dazwischen bewegen sie sich auf einem fast absurd konstant hohen Level aus mit Chorus beladenen Gitarren, einem treibenden Schlagzeugbeat und lässig dahinstapfenden Basslines.

Sie machen es leicht irgendwo zwischen dem Opener Below und Mounts Minding verloren zu gehen. Fade-Outs und –Ins reichen sich die Hände. Das Konzept scheint sich im Laufe des Albums kaum zu ändern. Der zu Beginn so einzigartig und unverbraucht wirkende Sound aus Shoegaze, gespickt mit etwas Post-Rock, Alternative und kleinen Ausflügen Richtung Pop, läuft irgendwo in der Mitte der Platte plötzlich Gefahr sich abzunutzen. Es stellt sich das Gefühl ein, das alles schon einmal gehört zu haben und Hypatia wird zur Endlosschleife, in der sich Wray, immer haarscharf an der Kante zum Abgrund der Langeweile taumelnd, in ihrem homogenen Sound mit feinen, versteckten Melodie- und Tempowechseln fast übergangslos von Song zu Song bewegen. Dabei behalten sie allerdings zu jedem Zeitpunkt den vermeintlich nahenden Ausbruch, die Befreiung von der konstant hohen Anspannung, das erlösende Niesen nach dem ewigen Nasenkribbeln immer im Blick. Und das ist es, was Hypatia, trotz aller Homogenität, dann eben doch zu einem der spannendsten Alben dieses Jahres machen wird!

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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