AnnenMayKantereit – Alles Nix Konkretes [Review]

Es könnte alles so schön sein. Das perfekte moderne Märchen! Drei Straßenmusiker machen jahrelang ohne große Perspektive Musik in den Gassen der Kölner Innenstadt. Auf Konzerten verkaufen sie CDs, die sie in Eigenregie in ihrem Lieblingspark aufgenommen haben. Zwei Jahre später schieben sie dann ihre erste EP nach – durch Crowdfunding von den Fans für die Fans finanziert. Von allen Seiten werden sie bejubelt. Unabhängigkeit pur. Heute veröffentlichen AnnenMayKantereit, mittlerweile zu viert, jetzt endlich ihr erstes echtes Studioalbum Alles Nix Konkretes beim Majorlabel Universal. Was erst mal nach einem erstklassigen Happy End klingt, könnte sich ein bisschen zum Cliffhanger ihrer Karriere entwickeln. Vielleicht haben sich die Vier etwas verhoben.Cover von "Alles Nix Konkretes" von AnnenMayKantereitLiest man die ersten Kritiken der Zeit, dem Musikexpress und Spiegel, kann man schnell das Gefühl bekommen, Alles Nix Konkretes sei nicht ganz ernstzunehmen. Es sei zu selbstreferentiell, die Themen zu klein und schlicht nicht relevant. Tenor: Alles irgendwie belanglos. Stimmt!Aber genau das ist es doch, was AnnenMayKantereit den Erfolg bisher brachte. Sie bewegen sich fernab vom Anspruch des großen Ganzen und trauen sich, ganz egoistisch und –zentrisch über Belanglosigkeiten und ihre persönlichen kleinen Wehwehchen ein ganzes Album zu machen, auf dem sie dann in zwölf Songs Antworten auf Fragen geben, wie sie auch bei Astro.tv gestellt werden könnten. Ja, eine Altbauwohnung ist verdammt schön. Ja, Veränderungen und Fernbeziehungen können durchaus nerven. Und verdammt, ja, Trennungen tun es definitiv! Alles nichts Neues. Alles nichts, was dringend gesagt werden muss, aber trotzdem irgendwie verdammt schön! Mit  Alles Nix Konkretes liefern die drei Kölner die produktgewordenen Sorgen und Ängste, der von den Medien in den letzten Jahren sorgsam durchdiskutierten Generation Y.

Schon nach den ersten Sekunden der Platte hört man, dass AnnenMayKantereit, weit weg von ihren ehemaligen Gassen, mitten im Mainstream angekommen sind. So sehr liegt ihre Musik irgendwo zwischen einem heiseren Andreas Bourani und Revolverheld mit kaputten Gitarrenamps. Alles ist deutlich glatter als noch auf der Wird Schon Irgendwie Gehen-EP. Für den Gesamteindruck haben sie die vier von dieser Scheibe für das Album recycelten Songs sogar nochmal neu aufgenommen. Am Ende fühlt man sich trotzdem irgendwie mit Henning May verbunden, wenn er singt: „Jede Nacht werd‘ ich wach, weil ich die neuen Geräusche um mich herum nicht kenne.“ Verbunden im Schmerz über die verlorene Heimat – sei es noch so irrelevant.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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