Courtney Barnett – Der Grunge ist zurück. Ein bisschen. [Live]

Samstag war es also endlich so weit: Courtney Barnett spielte ihr erstes von insgesamt drei Deutschlandkonzerten im selbstverständlich ausverkauften Postbahnhof in Berlin. Schon der erste Blick durch das Publikum und die grobe Altersverteilung machte schnell klar, dass es hier nicht um das neue heiße Radiosternchen handelt, sondern eine dieser bisher gut behüteten Perlen, die plötzlich droht der breiten Masse zugespült zu werden.

Ihr Debüt Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit (Hier geht’s zur Review) ist zwar noch nicht mal ein Jahr alt, aber es macht sich das Gefühl breit, dass es nächstes Mal wohl deutlich schwieriger werden wird ein Ticket für eine von Courtney Barnetts Shows zu bekommen – auch wenn der unspektakuläre Bühnenaufbau und das fast lächerlich spärliche Schlagzeug nicht direkt darauf schließen ließen.

Um Punkt 9 betrat die kleine Australierin mit dem typischen ausgewaschenen T-Shirt und Strubbelhaaren die Bühne und holte für 1 1/2 Stunden ein bisschen die 90ger, den Grunge und den Geist von echter Rockmusik zurück – bis zum sechsten Song keine einzige Ansage und auch danach musste ein kurzes “Thanks” mit breitem Grinsen während des Applauses dem Publikum reichen. Zugegebenermaßen erst ein wenig irritierend, aber auch unheimlich erfrischend. So viel Fokus auf der Musik war wirklich lange nicht mehr!

Und wer bisher dachte, dass die Vergleiche mit Nirvana oder Bob Dylan überzogen seien, der sollte wohl spätestens nach diesem Abend eines Besseren belehrt sein. So gnadenlos schraubte sich die Stimmung des Abends vom harmlosen Start in ruhigen Singer-/Songwritersongs à la Avant Gardener, über immer mehr und immer lauter werdende Gitarren bis in die völlige Ekstase. Immer wieder verlor sich die Bands in Instrumentalteilen, ließ dem Drang zum wilden drauflos improvisieren freien Lauf und machte den Eindruck viel mehr für sich selbst, als für das Publikum zu spielen.

Spätestens das Outro von Kim’s Caravan, dem vorletzten Song des Abends, brachte den Knoten zum Platzen und riss alle Barrieren ein. Der Bass drückte sich durch den gesamten Körper, Courtneys Gitarre schrie, kreischte und schloss die Verwandlung vom Pop- zum Grungekonzert endgültig ab – inklusive erschreckender Lautstärkesteigerung!

Dieser Abend wirkte ein wenig wie eine lang ersehnte Oxidationskur – fernab vom sauberen Indie-Pop und ewig sympathischen Selbstdarstellern auf der Bühne, gibt es sie also doch noch: die leicht abgefuckt wirkenden Rollenklischees, die dazu bereit sind, dir mit einer guten Show den Kopf freizublasen. Auch, wenn dabei eventuell dein Trommelfell reißt.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

3 thoughts on “Courtney Barnett – Der Grunge ist zurück. Ein bisschen. [Live]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s