Neon Fields Festival – Das Programmheft hatte recht! [Live]

Mein erstes fremdes Festival aus den Augen eines Musikbloggers. Das erste Festival für das Team vom Neon Fields überhaupt.

Letztes Wochenende hab ich mit meiner Freundin den alten Polo vollgepackt und es ging tief in die Provinz nach Haren, irgendwo ins Emsland. Auf ein Festival, das sich selbst hohe Ziele setzt und laut Programmheft mit all den nervigen Problemen der Großen aufräumen will: keine kilometerlangen Wanderungen zwischen Zeltplatz und Gelände, kein Gedränge vor den Bühnen, den Toiletten oder an der Bar, und Preise für Getränke, die nicht innerhalb eines Wochenendes das gesamte Monatsgehalt auffressen wollen. All das verspricht die erste Seite des kleinen Booklets, das an der Kasse verteilt wird. Wir sind gespannt!

Beim Ankommen aber erstmal eine ordentliche Portion Verwirrung: Es ist 15:30 und das Festivalgelände seit 30 Minuten geöffnet – auf dem Parkplatz stehen 6 Autos. „Naja, vielleicht kommen die alle hier aus der Ecke und brauchen keine Autos“, sagen wir uns. „Das kann ja sonst gar nicht sein!“ Der Zeltplatz zeigt, dass es doch sein kann. Auf einer Viehweide stehen da eine Hand voll Zelte, um die die ersten Festivalbesucher etwas verloren herumstreunen, da sie mit der Situation wohl genauso überfordert sind wie wir. Wo sind die 1600 Besucher, die auf Facebook per Klick ihr Kommen beteuerten? Wo sind die „Helga“ schreienden Besoffenen, ohne die die typischen Hassliebe zum Festivalzelten wohl nicht aufkommen wird?

Neon Fields Zeltplatz

Von der Leere noch etwas verunsichert, erstmal los auf’s Gelände und sehen, ob sich hier die Massen verstecken – irgendwo zwischen der alten Mühle und dem festivalinternen „Rummel“.

Fehlanzeige! Gähnende Leere herrscht leider auch auf dem sonst wirklich sehr schönen Innenhof des Mühlengeländes und wir werden immer skeptischer! Völlig zu unrecht, wie der spätere Abend zeigen wird.

Neon Fields Festivalgelände

Giant Rooks eröffnen das Festival mit ihrem, gerade für ihr Alter, überraschend reifen Indie-Pop. Die Fünf zwischen 16 und 19 Jahre alten Jungs aus Hamm klingen ein bisschen nach Sizarr, ein bisschen nach Bombay Bicycle Club und wir werden in Zukunft sicher noch was von ihnen Hören!

Als nächstes Bergfilm. Die kennen wir schon. Gerade deswegen haben wir enorme Erwartungen an die Kölner, die neben Rangleklods, der entscheidende Grund für den Ticketkauf waren. Am Ende liefern sie ab und bringen in 45 Minuten mit knarzendem Synthiebass die ersten, immer noch spärlich gesäten Besucher zum Tanzen. Und wir merken langsam, dass es nicht wichtig ist, wie viele Leute vor der Bühne stehen, wenn die richtigen Bands drauf stehen. Spoiler: Nach dem Konzert haben Bergfilm noch für Reissnadel mit mir gequatscht. Das Interview kommt bald.

Der Rest des Abends macht das nur immer klarer: Erst ruhiger Indie-Folk von Town of Saints bevor es ab Occupanther immer elektronischer wird. Say Yes Dog enttäuschen leider mit zu viel Epos und emotionslosen Synthieflächen, bevor HVOB so langsam die Aftershow einleiten.

Freitagnacht steht auf jeden Fall fest, dass ein gutes Festival nicht unbedingt riesige Menschenmassen braucht!

IMG_0096

Am nächsten Morgen ist der Mangel an Festivalstimmung allerdings wieder deutlich zu spüren: Der Zeltplatz ist ungewöhnlich ruhig und sauber und wir bringen das abgebaute Zelt schon ins Auto, bevor wir uns das erste Mal wirklich eklig fühlen und uns sehnlichst nach einer warmen Dusche sehnen – 2 Tage sind einfach zu kurz!

Gerade, wenn der zweite Tag mit genialen Acts nicht geizt! Mr. Bukit eröffnen mit klassischem, aber trotzdem gutem Indie, der wieder stark an Bombey Bicycle Club erinnert, bevor St. Tropez die Bühne und das Publikum, als erste Band mit etwas roherem Sound und einem unfassbar fetten Bass, fordern. Im Programm heißt es, dass diese Band in einer ehemaligen Amsterdamer Schwulensauna aufgenommen hat und, dass man mehr nicht sagen braucht – vor dem Auftritt fand ich das komisch; jetzt versteh ich’s!

Und ab jetzt wird der Abend so gut, dass es kaum zu glauben ist: Den Anfang machen Leyya, ein Elektro-Duo, das natürlich mal wieder aus Wien kommt und die Entdeckung des Wochenendes ist! Sie pendeln behutsam irgendwo zwischen tanzbarem Beat und Melancholie ohne dabei ein einziges Mal die Kontrolle über die Stimmung zu verlieren.

Danach Xul Zolar als perfekte Überleitung zwischen dem seichten Wachwerden mit Leyya und dem direkten, teilweise brachialen Sound von Rangleklods – die natürlich genial sind und natürlich das mit Abstand beste Konzert des Wochenendes hinlegen! Spätestens als Pernille zu Esben ans Mischpult geht, verliert die Musik völlig die Fassung und zwingt das Publikum zum tanzen!

Kurz zusammengefasst: Das Neon Fields war leer. Sehr leer sogar. Aber trotzdem war es eines der besten Festivals, die ich bisher besucht habe. Geniales Line-Up, wunderschöne Location und keins von den vielen Dingen, die auf den großen Festivals nerven. Oder einfach: Das Programmheft hatte recht!

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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