Go Go Berlin – Electric Lives [Review]

Das zweite Album ist eine Feuerprobe! Beim Debüt haben Musiker eine Art Welpenschutz: Niemand kennt ihren Sound, niemand ordnet sie ein. Sie können sich ausprobieren und in jede erdenkliche Richtung rennen, experimentieren und werden am Ende für ihren “speziellen Sound” gefeiert.

Kommt es zum Erfolg und damit zum nächsten Album ändert sich das: Fans erwarten, dass der Sound vom ersten Album geblieben ist – ohne zu bleiben; Sie erwarten etwas Neues, das dem Alten so ähnlich wie möglich sieht, aber trotzdem überrascht. Eine Gratwanderung an der schon unzählige Bands gescheitert sind, weil sie sich quasi selbst coverten, oder einen zu radikalen Richtungswechsel einlegten.

Go Go Berlin veröffentlichen nächsten Freitag (21.08) ihr zweites Album “Electric Lives” als Nachfolger vom 2013 von der Presse und mir gefeierten “New Gold”.

Es klingt anders als erwartet!

Die Pressemitteilung spricht vom neuen “Magnum Opus”, vom “monumental new record” und übertreibt absolut nicht. Wo auf “New Gold” einfache Gitarrenriffs waren, sind jetzt Geigen, Chöre und jede Menge Pomp. Der gewohnte Indie-Rock der 5 Dänen ist auf Stadiongröße gewachsen.

Schon das Intro “006” klingt nach Blockbuster-Soundtrack und fängt damit den Schlag von “Maybe Tomorrow” ein wenig ab. Hier erwarten uns direkt in den ersten Sekunden die fast omnipräsenten Geigen. Dazu singt Christian Vium den Refrain in Kopfstimme und mindestens 2 anderen Tonlagen zwischen Gitarren, Bass, Schlagzeug, Gitarren, Gitarren und noch mehr Gitarren. Vielleicht übertreibe ich, aber vom gewohnt direkten Sound der Fünf scheint zum Beginn  von “Electric Lives” erstmal nicht viel geblieben.

Die nächsten Songs rudern ein wenig zurück. Ab “Kids” dringt langsam wieder etwas vom alten, unverfälschten Charm durch die aufwändig gestaltete Produktion, bis im Titelsong “Electric Lives” endgültig Erinnerungen an “New Gold” wach werden; zwar mit Geigen gespickt, aber das Album beginnt endlich, sich gut anzufühlen.

Danach wird es verrückt! Ab dem achten Song treiben Go Go Berlin, zusammen mit ihrem Produzenten Nick Foss, auf die Spitze, was sie zu Beginn des Albums angefangen haben: “WDYW” ist ein 10 Minuten Monstrum, das wahrscheinlich auch auf 5 Minuten gut funktioniert hätte; “The Party” stünde jedem Kings of Leon Album gut zu Gesicht und “All Mine” wirkt wie eine einzige Synthiebass-Ebene. Überall hört man den ehrlichen Sound der ersten Platte raus, aber er wirkt in der riesigen Produktion wie in Watte gepackt.

Als jungfräuliches Debüt hätte „Electric Lives“ sicher gut funktioniert und vielleicht wird es das nach öfterem Hören und etwas Zeit auch als Zweitwerk. Ich höre allerdings vor dem nächsten Anlauf, zum Ausgleich, erstmal ein wenig Fritz Kalkbrenner.

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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