Graham Candy – Holding Up Balloons EP [Review]

Denkt man an Neuseeland, dann denkt man auch sofort an epische Weiten, eine atemberaubende Landschaft und riesige Filmproduktionen. Auf jeden Fall denkt man groß und nicht an einen kleinen Mann mit Schnauzbart, der in quietschbunten Videos feinsten Pop macht.

Graham Candy ist den meisten wohl schon bekannt als die „Frau“, die dem Alle Farben-Hit “She moves (Far away)” ihre Stimme leiht. Und seit “One Day (Reckoning Song)” ist er die interessanteste „Frauenstimme“ eines Mannes, der jetzt neben Kooperationen und Features auch seinen eigenen Weg gehen möchte.

2013 kam Graham von Auckland nach Berlin um in Deutschland Musik zu machen. Vor zwei Wochen hat er seinen ersten Festivalgig auf dem Musikschutzgebiet gehabt und dabei, meiner Meinung nach, den besten Auftritt des Wochendes hingelegt. Ganz anders als erwartet sehr unelektronisch. Zu Beginn nur mit Gitarre und Bassdrum auf der Bühne, schafft er es die Leute tanzen zu lassen. Zum Glück keiner dieser Künstler, die man erst durch einen Remix kennenlernt und dann beim Original sehnsüchtig auf den Einsatz des Beats wartet.

Graham Candy funktioniert als Singer-/Songwriter wunderbar!

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Holding up Balloons” heißt seine erste EP, die bei BMG RIGHTS MANAGEMENT erschienen ist. Nach mehrmaligem Hören bin ich nach wie vor hin und her gerissen.

Es ist Pop. Pop in seiner reinsten Form. Genau das hatte ich erwartet und nach dem Live-Auftritt auch gehofft. Außerdem ist die EP sauber produziert und klingt super.

Nur leider ist die Produktion an der ein oder anderen Stelle ein wenig viel des Guten. Vieles der Unbeschwertheit und Euphorie, die Graham auf der Bühne des Grünhofs verbreitet hat, geht zwischen fetten Synthie-Ebenen und Background-Chören einfach unter. Seine markante Stimme steht zwar weiterhin im Mittelpunkt der Musik, aber verliert durch das oft banale Beiwerk deutlich an Wirkung. So, dass mich “Holding up Balloons”, der Titelsong der EP beim ersten Hören spannungstechnisch nur haarscharf über seine 3 1/2 Minuten retten konnte. Die erste Strophe begeistert. Die zweite hält das Niveau, aber ab dann wird es repetitiv.

Ähnlich verhält es sich dann auch mit “Don´t you worry”. Wie gut könnte ich mir dieses Lied mit einer einfach Gitarrenbegleitung und einem weniger aufgeblähten Gesang vorstellen. Gerade das Outro verliert sich zwischen Glockenspiel und Epos. Schade drum!

Aber es ist nicht alles schlecht. Zwischen all dem Drumherum klingt er immer wieder durch – der schmächtige Neuseeländer, mit dem Schnurrbart und der wirklich beeindruckenden Stimme!  Die Strophen von “Worth it all” mit einer simplen perkussiven Gitarre und Drums sind genau die Art von Musik, die er live gezeigt hat. Leicht, tanzbar und trotzdem eindringlich. Einfach herrlich!

Auch “Addictive Personality” konnte mich nach mehrmaligem Hören begeistern. Erst war ich irritiert von dem dunklen Sound und dem langsamen fast hip-hoppigen Beat. Und eigentlich wird hier alles gemacht, was ich in den anderen Songs kritisiert hab. Nur ist dieser Song insgesamt so anders, dass er es schafft eine andere Seite von Graham Candy zu zeigen, anstatt die Bekannte zu verdecken. Eine, in der er mit seiner Stimme unglaubliche Spannung erzeugen kann und fernab von “Gute-Laune-Pop” begeistert.

Vielleicht zieht der Rest der EP noch nach, wenn ich sie öfter höre. Hoffentlich! Denn Graham Candy ist ohne Diskussion einer der interessantesten Künstler, die Deutschland zur Zeit zu bieten hat! Abzuwarten ist, in welche Richtung die Reise geht, wenn ein Album in den Startlöchern steht und er mehr Live-Erfahrungen gemacht hat.

Hoffentlich orientiert er sich dann mehr daran, als an den Möglichkeiten eines modernen Musikstudios!

Chris Umbach

Gründer von reissnadel.com - studierte, neben dieser Sache mit Musik, irgendwas mit Flugzeugen im Norden Deutschlands und geht, ab und an, auf orangefarbener Schwalbe auf Reisen.

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